Die StrukturBilanz ist das wichtigste Aufbereitungsinstrument der Jahresabschlussanalyse. Die Handelsbilanz wird dazu bereinigt, richtiggestellt, saldiert und umgegliedert, Anhangangaben (z. B. Verbindlichkeitenspiegel, Restlaufzeiten, stille Reserven, geplante Ausschüttung) werden einbezogen. Die Aktivseite wird nach der Liquidierbarkeit geordnet, die Passivseite nach der Zugehörigkeit zum Eigen- oder Fremdkapital und nach der Fristigkeit. Eine gesetzliche Regelung gibt es nicht, und die Formelsammlung enthält kein Schema – es muss sicher sitzen.
Merke
Vorrang des Sachverhalts: Alle folgenden Schritte gelten nur, soweit die Aufgabenstellung oder der Anhang nichts anderes vorgibt. Eine abweichende Angabe im Sachverhalt geht dem allgemeinen Schema immer vor.
Die vier Grundoperationen
Jeder Aufbereitungsschritt lässt sich – ähnlich wie ein Buchungssatz – auf eine von vier Grundoperationen zurückführen:
Grundoperation | Beispiel | Bilanzsumme |
Aktivtausch | aktive Rechnungsabgrenzungsposten (ohne Disagio) zu den Forderungen | unverändert |
Passivtausch | geplante Ausschüttung aus dem Eigenkapital ins kurzfristige Fremdkapital; passive latente Steuern zum Eigenkapital | unverändert |
Aktiv-Passiv-Minderung | Geschäfts- oder Firmenwert, Disagio und aktive latente Steuern mit dem Eigenkapital verrechnen; erhaltene Anzahlungen mit den Vorräten verrechnen | sinkt |
Aktiv-Passiv-Mehrung | Aufdeckung stiller Reserven | steigt |
Aktivseite
Posten der Strukturbilanz | Aufbereitung |
Anlagevermögen | Anlagevermögen lt. Handelsbilanz |
Vorräte | Vorräte lt. Handelsbilanz |
Forderungen | Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände lt. Handelsbilanz |
Liquide Mittel | Kassenbestand, Guthaben bei Kreditinstituten |
entfallen | Disagio (aus dem aktiven Rechnungsabgrenzungsposten), aktive latente Steuern und ein aktiver Unterschiedsbetrag aus der Vermögensverrechnung (§ 246 Abs. 2 Satz 3 HGB) – sie werden mit dem Eigenkapital verrechnet |
Tab. 6: Aktivseite der Strukturbilanz
Passivseite
Posten der Strukturbilanz | Aufbereitung |
Eigenkapital | Eigenkapital lt. Handelsbilanz |
langfristiges Fremdkapital (Restlaufzeit über 5 Jahre) | Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit von mehr als 5 Jahren |
mittelfristiges Fremdkapital (mehr als 1 bis 5 Jahre) | Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit von mehr als 1 bis 5 Jahren |
kurzfristiges Fremdkapital (bis 1 Jahr) | Verbindlichkeiten mit einer Restlaufzeit bis 1 Jahr (./. erhaltene Anzahlungen, soweit mit den Vorräten verrechnet) |
Tab. 7: Passivseite der Strukturbilanz
Merke
Passive latente Steuern werden dem Eigenkapital zugerechnet (in der Literatur wird auch die Zuordnung zum langfristigen Fremdkapital vertreten – eine abweichende Vorgabe der Aufgabe geht vor). Geschäfts- oder Firmenwert und Disagio werden immer gegen das Eigenkapital gekürzt, nie nur auf der Aktivseite. Stille Reserven erhöhen das Anlagevermögen zu 100 %, das Eigenkapital zu 70 % und das mittelfristige Fremdkapital zu 30 %. Von einem ausgewiesenen Bilanzgewinn wird nur die geplante Ausschüttung ins kurzfristige Fremdkapital umgegliedert; der Rest bleibt Eigenkapital.
Die Rückstellungen werden vollständig auf das Fremdkapital verteilt: Pensionsrückstellungen sind langfristig, Steuerrückstellungen und sonstige Rückstellungen kurzfristig (sofern die Aufgabe keine andere Fristigkeit nennt). Ist Mezzanine-Kapital nach der Aufgabe als wirtschaftliches Eigenkapital anzusehen (z. B. Darlehen mit qualifiziertem Rangrücktritt), wird es dem Eigenkapital zugerechnet.
Methode
Kontrollrechnung: Am Ende muss bilanzanalytisches Gesamtvermögen = bilanzanalytisches Gesamtkapital sein. Ein Restbetrag deutet fast immer auf einen vergessenen Umgliederungsposten hin (typischerweise Disagio oder geplante Ausschüttung). Zur Gegenprobe dient die Schnellrechnung für Eigen- und Gesamtkapital (Lerneinheit „Bilanzanalytisches Eigenkapital“).
Beispiel
Beispiel: Strukturbilanz der Webinar GmbH
Aus der Handelsbilanz zum 31.12.2025 (Vorjahr 2024) und dem Anhang sind bekannt (in €):
Posten | 2025 | 2024 |
Immaterielle Vermögensgegenstände, davon Geschäfts- oder Firmenwert | 2.198.800 (900.000) | 1.758.400 (1.050.000) |
Sachanlagen | 27.398.740 | 19.672.000 |
Finanzanlagen | 200.000 | 200.000 |
Vorräte | 14.720.000 | 12.320.000 |
Forderungen aus Lieferungen und Leistungen / sonstige Vermögensgegenstände | 10.536.000 / 857.000 | 7.176.800 / 1.004.800 |
Wertpapiere des Umlaufvermögens | 460.000 | 3.280.000 |
Kasse, Bankguthaben | 1.886.660 | 2.228.600 |
Aktive Rechnungsabgrenzungsposten, davon Disagio | 436.800 (66.800) | 348.000 (53.400) |
Aktive latente Steuern | 353.000 | 570.000 |
Bilanzsumme | 59.047.000 | 48.558.600 |
Eigenkapital | 24.861.560 | 24.941.440 |
Rückstellungen: Pensionen / Steuern / sonstige | 3.572.000 / 500.000 / 2.744.000 | 3.496.000 / 920.000 / 1.968.000 |
Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten | 13.400.000 | 6.400.000 |
Erhaltene Anzahlungen auf Bestellungen | 1.012.000 | 978.480 |
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen | 4.281.600 | 2.530.680 |
Sonstige Verbindlichkeiten | 8.675.840 | 7.324.000 |
Anhang: Die selbst geschaffenen immateriellen Vermögensgegenstände sind werthaltig. Vom Bilanzgewinn 2025 sollen 2.000.000 € ausgeschüttet werden (Vorjahr: 6.000.000 €). Verbindlichkeitenspiegel 2025: Restlaufzeit bis 1 Jahr 12.216.960 €, über 1 Jahr 15.152.480 €, davon über 5 Jahre 7.120.000 € (2024: 7.379.160 € / 9.854.000 € / 4.240.000 €); die erhaltenen Anzahlungen haben eine Restlaufzeit bis 1 Jahr.
Lösung (in €):
Strukturbilanz – Aktiva | 2025 | 2024 |
Anlagevermögen (immaterielle VG + Sachanlagen + Finanzanlagen ./. Geschäfts- oder Firmenwert) | 28.897.540 | 20.580.400 |
Vorräte (./. erhaltene Anzahlungen) | 13.708.000 | 11.341.520 |
Forderungen (+ aktive Rechnungsabgrenzung ohne Disagio) | 11.763.000 | 8.476.200 |
Liquide Mittel (Kasse, Bank, Wertpapiere des Umlaufvermögens) | 2.346.660 | 5.508.600 |
Umlaufvermögen | 27.817.660 | 25.326.320 |
Gesamtvermögen | 56.715.200 | 45.906.720 |
Strukturbilanz – Passiva |
|
|
Eigenkapital (./. Geschäfts- oder Firmenwert, Disagio, aktive latente Steuern, geplante Ausschüttung) | 21.541.760 | 17.268.040 |
langfristiges Fremdkapital (Verbindlichkeiten über 5 Jahre + Pensionsrückstellungen) | 10.692.000 | 7.736.000 |
mittelfristiges Fremdkapital (Verbindlichkeiten 1 bis 5 Jahre) | 8.032.480 | 5.614.000 |
kurzfristiges Fremdkapital (Verbindlichkeiten bis 1 Jahr ./. erhaltene Anzahlungen + Steuer- und sonstige Rückstellungen + geplante Ausschüttung) | 16.448.960 | 15.288.680 |
Fremdkapital | 35.173.440 | 28.638.680 |
Gesamtkapital | 56.715.200 | 45.906.720 |
Kontrolle: Gesamtvermögen = Gesamtkapital in beiden Jahren. Probe für 2025: 59.047.000 € ./. 900.000 € Geschäfts- oder Firmenwert ./. 66.800 € Disagio ./. 353.000 € aktive latente Steuern ./. 1.012.000 € erhaltene Anzahlungen = 56.715.200 €.
Prüfungstipp
Typische Fehler: Geschäfts- oder Firmenwert nur auf der Aktivseite gestrichen (Bilanzgleichung geht nicht auf); erhaltene Anzahlungen nur vom Fremdkapital abgezogen statt mit den Vorräten verrechnet; alle Rückstellungen pauschal kurzfristig; der ganze Bilanzgewinn statt der geplanten Ausschüttung umgegliedert.
Hinweis
Hinweis zum Video: Im Video werden nur die aktiven latenten Steuern behandelt. Passive latente Steuern werden – wie oben beschrieben – dem Eigenkapital zugerechnet. Der Geschäfts- oder Firmenwert ist nach § 246 Abs. 1 Satz 4 HGB der Unterschiedsbetrag zwischen der Gegenleistung und dem Wert der einzelnen Vermögensgegenstände abzüglich der Schulden.
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