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Mündliche Prüfung - Präsentation und Fachgespräch - Jahresabschlussanalyse

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Mündliche Prüfung - Präsentation und Fachgespräch

Jahresabschlussanalyse

GuV (Gewinn- und Verlustrechnung)

Vertiefung

Was ist der Unterschied zwischen Gesamtkostenverfahren (GKV) und Umsatzkostenverfahren (UKV)?

Beide Verfahren führen zum gleichen Jahresüberschuss, unterscheiden sich aber in der Gliederungssystematik (§ 275 HGB):

Gesamtkostenverfahren (GKV, § 275 Abs. 2 HGB):

  • Gegenüberstellung der Gesamtleistung mit den Gesamtkosten der Periode (nach Kostenarten gegliedert)
  • Bestandsveränderungen (fertige und unfertige Erzeugnisse) werden als eigene Position ausgewiesen
  • Aufteilung der Kosten: Materialaufwand, Personalaufwand, Abschreibungen, sonstige betriebliche Aufwendungen
  • Vorteil: Kostenartenstruktur direkt sichtbar; in Deutschland weit verbreitet

Umsatzkostenverfahren (UKV, § 275 Abs. 3 HGB):

  • Gegenüberstellung der Umsatzerlöse mit den Kosten der abgesetzten Leistungen (nach Funktionsbereichen gegliedert)
  • Gliederung nach: Herstellungskosten, Vertriebskosten, allgemeine Verwaltungskosten und sonstige betriebliche Aufwendungen
  • Keine Berücksichtigung von Bestandsveränderungen und aktivierte Eigenleistungen
  • Vorteil: Funktionsbereichsaufteilung; international üblich (IFRS)

Merksatz: GKV = Was wurde verbraucht? UKV = Wofür wurde es verbraucht?

Vertiefung

Welches Verfahren haben Sie verwendet und warum?

Diese Frage zielt auf die persönliche Erfahrung aus der Praxis ab. Eine strukturierte Musterantwort:

Bei Anwendung des GKV:

  • In der Praxis überwiegt in Deutschland das Gesamtkostenverfahren, insbesondere bei mittelständischen Unternehmen
  • Vorteil: Die Kostenartenstruktur (Material, Personal, Abschreibungen) ist direkt aus der GuV ablesbar
  • Bestandsveränderungen werden transparent ausgewiesen, was den Produktionsumfang erkennbar macht
  • Gut geeignet für produzierende Unternehmen

Bei Anwendung des UKV:

  • Sinnvoll bei Unternehmen mit klarer funktionaler Kostenstellenrechnung
  • Ermöglicht direkten Vergleich mit international aufgestellten Unternehmen und IFRS-Abschlüssen

Prüfungshinweis: Begründen Sie Ihre Wahl anhand des Unternehmenstyps (Handels-, Produktions- oder Dienstleistungsunternehmen) und der Informationsbedürfnisse der Adressaten.

Vertiefung

Wo kann man erkennen, welches Verfahren angewendet wurde?

Das angewendete Verfahren ist an der Gliederungsstruktur der GuV erkennbar:

Erkennungsmerkmale GKV:

  • Ausweis von Bestandsveränderungen an fertigen und unfertigen Erzeugnissen (§ 275 Abs. 2 Nr. 2 HGB)
  • Ausweis von aktivierten Eigenleistungen § 275 Abs. 2 Nr. 3 HGB)
  • Kosten gegliedert nach Kostenarten: Materialaufwand, Personalaufwand, Abschreibungen
  • Kein Ausweis von Herstellungs-, Vertriebs- und Verwaltungskosten als separate Positionen

Erkennungsmerkmale UKV:

  • Keine Bestandsveränderungen als separate GuV-Position
  • Ausweis der Herstellungskosten der zur Erzielung der Umsatzerlöse erbrachten Leistungen (§ 275 Abs. 3 Nr. 2 HGB)
  • Separate Positionen für: Vertriebskosten, allgemeine Verwaltungskosten

Rechtliche Grundlage: § 275 Abs. 2 (GKV) und § 275 Abs. 3 HGB (UKV); Angabe im Anhang, wenn kein eindeutiger Rückschluss aus der GuV möglich.

Vertiefung

Was sind Umsatzerlöse?

Umsatzerlöse (§ 277 Abs. 1 HGB): Erlöse aus dem Verkauf und der Vermietung oder Verpachtung von Produkten sowie aus der Erbringung von Dienstleistungen nach Abzug von Erlösschmälerungen und der Umsatzsteuer.

Bestandteile:

  • Verkaufserlöse für Waren, Erzeugnisse, Dienstleistungen
  • Miet- und Pachteinnahmen (sofern betriebstypisch)
  • Abzüge: Umsatzsteuer, Skonti, Rabatte, Boni (Erlösschmälerungen)

Abgrenzung:

  • Nicht enthalten: sonstige betriebliche Erträge (z.B. Anlagenverkäufe, Erträge aus Versicherungsleistungen)
  • Nicht enthalten: Zinserträge (Finanzergebnis)
  • Seit BilRUG (2015): weiter gefasster Begriff; viele Erträge wurden von "sonstige betriebliche Erträge" in "Umsatzerlöse" umgegliedert

Bedeutung: Wichtigste Kennzahl für Unternehmensgröße, Basis für viele Rentabilitätskennzahlen.

Vertiefung

Wie setzt sich die Gesamtleistung zusammen?

Die Gesamtleistung ist eine Rechengröße im Gesamtkostenverfahren und setzt sich wie folgt zusammen:

Gesamtleistung =

  • Umsatzerlöse (§ 277 Abs. 1 HGB)
  • +/– Bestandsveränderungen an fertigen und unfertigen Erzeugnissen (§ 275 Abs. 2 Nr. 2 HGB)
  • + Andere aktivierte Eigenleistungen (§ 275 Abs. 2 Nr. 3 HGB)

Erläuterung der Komponenten:

  • Bestandserhöhung (Produktion > Absatz): wird addiert → Gesamtleistung > Umsatz
  • Bestandsminderung (Produktion < Absatz): wird subtrahiert → Gesamtleistung < Umsatz
  • Aktivierte Eigenleistungen: selbst erstellte Anlagen, die ins Anlagevermögen überführt werden (z.B. selbst gebaute Maschine)

Bedeutung: Die Gesamtleistung zeigt den gesamten Leistungsumfang eines Unternehmens in einer Periode – nicht nur den abgesetzten, sondern auch den produzierten Anteil.

Vertiefung

Berechnen Sie die Gesamtleistung aus einer gegebenen GuV

Schema:

Umsatzerlösez.B. 5.000.000 €
+ Bestandserhöhungen an fertigen/unfertigen Erzeugnissen+ 200.000 €
– Bestandsminderungen an fertigen/unfertigen Erzeugnissen– 0 €
+ Andere aktivierte Eigenleistungen+ 50.000 €
= Gesamtleistung5.250.000 €

Prüfungshinweis: Nur beim GKV ist die Gesamtleistung eine GuV-Position. Beim UKV gibt es diese Größe nicht direkt; vergleichbar ist dort der Rohgewinn (Umsatz – Herstellungskosten). Bestandsveränderungen können positiv (Erhöhung) oder negativ (Minderung) sein – auf das Vorzeichen achten!

Vertiefung

Was ist das EBIT? Wie wird es berechnet?

EBIT = Earnings Before Interest and Taxes = Ergebnis vor Zinsen und Steuern

Berechnung (ausgehend vom Jahresüberschuss):

  • Jahresergebnis (Jahresüberschuss)
  • + Steuern vom Einkommen und Ertrag (Ertragssteuern)
  • + Zinsaufwendungen
  • – Zinserträge
  • + neutrale Aufwendungen
  • – neutrale Erträge
  • = EBIT

Bedeutung:

  • Misst die operative Ertragskraft des Unternehmens, unabhängig von Finanzierungsstruktur und Steuern
  • Geeignet für Unternehmensvergleiche, da Kapitalstruktur und Steuerbelastung herausgerechnet werden

Vertiefung

Was bedeutet EBIT und wie lautet die deutsche Übersetzung?

EBIT = Earnings Before Interest and Taxes

Deutsche Übersetzung: Ergebnis vor Zinsen und Steuern

Im HGB-Abschluss entspricht das EBIT weitgehend dem Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit vor Steuern und Finanzergebnis, also dem Betriebsergebnis zuzüglich/abzüglich des Finanzergebnisses, aber vor Ertragssteuern.

Abgrenzung:

  • EBIT enthält kein Finanzergebnis (Zinsen werden herausgerechnet)
  • EBIT enthält keine Ertragssteuern
  • EBIT enthält Abschreibungen (im Gegensatz zu EBITDA)

Vertiefung

Was ist das EBITDA?

EBITDA = Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization

Deutsche Bedeutung: Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen (Depreciation) und Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände (Amortization)

Berechnung:

  • EBIT
  • + planmäßige Abschreibungen auf Sachanlagen
  • + planmäßige Abschreibungen auf immaterielle Vermögensgegenstände
  • = EBITDA

Bedeutung und Verwendung:

  • Näherungsgröße für den operativen Cashflow (da Abschreibungen nicht zahlungswirksam sind)
  • Geeignet für Vergleiche zwischen Unternehmen mit unterschiedlichen Abschreibungsregeln und Investitionsniveaus
  • Häufig genutzt bei Unternehmensbewertungen (EV/EBITDA-Multiple)

Kritik: EBITDA ignoriert Investitionsbedarf (Capex) und kann die tatsächliche Ertragskraft überschätzen, insbesondere bei kapitalintensiven Unternehmen.

Vertiefung

Was ist das EBT (Earnings Before Taxes)?

EBT = Earnings Before Taxes = Ergebnis vor Steuern

Berechnung:

  • Jahresüberschuss
  • + Steuern vom Einkommen und Ertrag (Ertragssteuern)
  • = EBT

Alternativ:

  • EBIT
  • + Zinserträge
  • – Zinsaufwendungen
  • + neutrale Erträge
  • – neutrale Aufwandungen
  • = EBT

Bedeutung:

  • Gibt die Ertragskraft nach Berücksichtigung der Finanzierungsstruktur, aber vor Steuern wieder
  • Sinnvoll für den Vergleich von Unternehmen mit unterschiedlicher Steuerbelastung (z.B. Ländervergleich)

Vertiefung

Was ist der Unterschied zwischen EBIT, EBITDA und EBT?

Überblick:

KennzahlHerausgerechnetEnthalten
EBITDAZinsen, Steuern, AbschreibungenOperatives Ergebnis vor AfA
EBITZinsen, SteuernAbschreibungen
EBTSteuernZinsen, Abschreibungen

Beziehung:

  • EBITDA – Abschreibungen = EBIT
  • EBIT +/– Finanzergebnis +/– neurales Ergebnis = EBT
  • EBT – Ertragssteuern = Jahresüberschuss

Verwendungszweck:

  • EBITDA: Finanzierungsstrukturunabhängige operative Ertragskraft; Basis für Unternehmensbewertung
  • EBIT: Operatives Ergebnis nach Investitionsfolgekosten (AfA); Vergleich der Betriebsleistung
  • EBT: Ertragskraft nach Finanzierungsstruktur, vor Steuern; Steuerbelastungsvergleich

Vertiefung

Was sind "Steuern vom Einkommen und Ertrag" bei einer GmbH?

Bei einer GmbH umfassen die "Steuern vom Einkommen und Ertrag" (§ 275 Abs. 2 Nr. 14 HGB):

  • Körperschaftsteuer (KSt): 15 % des zu versteuernden Einkommens (§ 23 Abs. 1 KStG)
  • Solidaritätszuschlag: 5,5 % der Körperschaftsteuer = 0,825 % des zu versteuernden Einkommens
  • Gewerbesteuer (GewSt): Hebesatz der Gemeinde × Steuermesszahl 3,5 % (§ 11 GewStG); typisch 14–17 %

Gesamtbelastung: Typisch ca. 28–32 % des zu versteuernden Ergebnisses

Abgrenzung zu "sonstigen Steuern":

  • Steuern vom Einkommen und Ertrag = ergebnisabhängige Steuern (Gewinnsteuern)
  • Sonstige Steuern = ergebnisunabhängige Steuern (z.B. Grundsteuer, Kfz-Steuer)

Ausweis in der GuV: Als letzter Abzugsposten vor dem Jahresüberschuss; Veränderungen latenter Steuern werden hier ebenfalls ausgewiesen (§ 274 Abs. 2 HGB).

Vertiefung

Was sind "sonstige Steuern"? Nennen Sie Beispiele

Sonstige Steuern (§ 275 Abs. 2 Nr. 16 HGB): Alle Steuern, die nicht auf dem Einkommen oder Ertrag des Unternehmens beruhen, also ergebnisunabhängige Steuern.

Beispiele:

  • Grundsteuer (auf Grundbesitz)
  • Kraftfahrzeugsteuer (auf betriebliche Fahrzeuge)
  • Grunderwerbsteuer (beim Kauf von Grundstücken)
  • Versicherungsteuer (auf Betriebsversicherungen)
  • Energiesteuer / Stromsteuer (soweit betrieblich)

Abgrenzung:

  • Die Umsatzsteuer erscheint grundsätzlich nicht in der GuV (da durchlaufend; Nettoprinzip)
  • Die Gewerbesteuer gehört zu den "Steuern vom Einkommen und Ertrag", nicht zu den sonstigen Steuern

Vertiefung

Wo findet man die Umsatzsteuer in der GuV?

Die Umsatzsteuer erscheint grundsätzlich nicht in der GuV.

Begründung:

  • Unternehmen fungieren als Steuereinnehmer für den Staat (durchlaufende Steuer)
  • Die Umsatzsteuer wird vom Kunden vereinnahmt und an das Finanzamt abgeführt
  • Umsatzerlöse werden netto (ohne USt) ausgewiesen (§ 277 Abs. 1 HGB)

Ausnahmen – wann erscheint USt-Aufwand in der GuV:

  • Nicht abzugsfähige Vorsteuer: z.B. bei Repräsentationsaufwendungen oder bei Unternehmen, die nicht zum Vorsteuerabzug berechtigt sind (z.B. Arztpraxen) – erscheint als Aufwand in den jeweiligen Aufwandskonten
  • Umsatzsteuer auf unentgeltliche Wertabgaben (§ 3 Abs. 1b UStG): erscheint als sonstiger betrieblicher Aufwand

Vertiefung

Was ist der Unterschied zwischen Gewinn und Rentabilität?

Gewinn:

  • Absolute Größe (in €)
  • Differenz zwischen Erträgen und Aufwendungen in einer Periode
  • Sagt nichts über Effizienz des eingesetzten Kapitals aus
  • Beispiel: Unternehmen A: 1.000.000 € Gewinn; Unternehmen B: 1.000.000 € Gewinn

Rentabilität:

  • Relative Größe (in %)
  • Verhältnis von Gewinn zu einer Bezugsgröße (Kapital, Umsatz)
  • Misst die Effizienz des Kapitaleinsatzes
  • Ermöglicht Vergleiche zwischen unterschiedlich großen Unternehmen
  • Beispiel: Unternehmen A: 1 Mio. € Gewinn auf 5 Mio. € Kapital = 20 % Rentabilität; Unternehmen B: 1 Mio. € Gewinn auf 20 Mio. € Kapital = 5 % Rentabilität

Fazit: Nur durch die Rentabilität lässt sich beurteilen, ob ein Gewinn gemessen am eingesetzten Kapital angemessen ist. Deshalb sind Rentabilitätskennzahlen aussagekräftiger als absolute Gewinne.

Vertiefung

Was versteht man unter einer Erfolgsspaltung und wozu braucht man sie?

Erfolgsspaltung: Analytische Aufspaltung des Gesamtergebnisses in seine Komponenten nach Herkunft und Nachhaltigkeit.

Ziel: Trennung von ordentlichen (nachhaltigen) und außerordentlichen (einmaligen) Ergebnisbestandteilen

Gliederung nach Bereichen:

  • Ordentliches Betriebsergebnis: Ergebnis aus der eigentlichen betrieblichen Tätigkeit, ohne einmalige Effekte → nachhaltig, wiederholbar
  • Außerordentliches Betriebsergebnis: Einmalige, atypische betriebliche Vorgänge (z.B. Gewinne aus Anlagenverkäufen, Schadensfälle)
  • Neutrales Ergebnis: Periodenfremde oder betriebsfremde Ergebnisbeiträge (z.B. Grundstücksmieten außerhalb des Kerngeschäfts)
  • Finanzergebnis: Ergebnis aus der Finanzierungstätigkeit (Zinsen, Beteiligungserträge)

Nutzen:

  • Ermöglicht die Beurteilung der nachhaltigen Ertragskraft
  • Basis für Planungen und Prognosen
  • Entlarvt einmalige Ergebniseffekte, die das Bild verzerren könnten
  • Grundlage für aussagekräftige Rentabilitätskennzahlen

Strukturbilanz

Vertiefung

Was ist eine Strukturbilanz?

Strukturbilanz (auch: analytische Bilanz): Eine aus der Handelsbilanz abgeleitete, aufbereitete und verdichtete Bilanzdarstellung, die für die Unternehmensanalyse optimiert ist.

Merkmale:

  • Basiert auf der HGB-Handelsbilanz
  • Enthält keine steuerlichen Wahlrechte oder rein rechtliche Gliederungsvorgaben
  • Positionen werden nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten umgegliedert, bewertet und verdichtet
  • Stille Reserven können gehoben werden (Umwertung)
  • Dient als Grundlage für Kennzahlenberechnungen

Gliederungsprinzip:

  • Aktiva: Langfristiges Vermögen / Kurzfristiges Vermögen
  • Passiva: Eigenkapital / Langfristiges Fremdkapital / Kurzfristiges Fremdkapital

Vertiefung

Wozu braucht man eine Strukturbilanz?

Die Strukturbilanz dient als Analyseinstrument zur wirtschaftlichen Beurteilung eines Unternehmens:

  • Vergleichbarkeit: Ermöglicht den Vergleich verschiedener Unternehmen oder verschiedener Perioden, da handelsrechtliche Gliederungsbesonderheiten eliminiert werden
  • Kennzahlengrundlage: Basis für Liquiditäts-, Rentabilitäts- und Stabilitätskennzahlen
  • Ratingzwecke: Banken und Auskunfteien nutzen die Strukturbilanz für Kreditentscheidungen
  • Wirtschaftlicher Gehalt: Zeigt die wahre Vermögens- und Kapitalstruktur, bereinigt um Verzerrungen aus Bewertungswahlrechten
  • Finanzierungsstruktur: Macht sichtbar, ob Fristenkongruenz eingehalten wird (goldene Bilanzregel)

Vertiefung

Warum erstellt man eine Strukturbilanz?

Die Erstellung einer Strukturbilanz ist notwendig, weil die Handelsbilanz allein für Analysezwecke nur bedingt geeignet ist:

  • Die HGB-Bilanz folgt handelsrechtlichen Gliederungsvorschriften, nicht analytischen Erfordernissen
  • Bewertungswahlrechte (z.B. Abschreibungsmethoden, Rückstellungshöhen) verzerren den Vergleich
  • Positionen mit wirtschaftlich unterschiedlichem Charakter werden gemeinsam ausgewiesen (z.B. kurzfristige und langfristige Forderungen in einem Posten)
  • Stille Reserven sind in der Handelsbilanz nicht sichtbar
  • Die wirtschaftliche Fristigkeit von Verbindlichkeiten ist nicht direkt erkennbar

Ziel: Durch die Aufbereitung zur Strukturbilanz wird ein wirtschaftlich wahrheitsgetreueres Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage erzeugt.

Vertiefung

Wie ist eine Strukturbilanz aufgebaut?

Aktivseite (Mittelverwendung):

  • Langfristiges Vermögen (Anlagevermögen): Immaterielle Vermögensgegenstände, Sachanlagen, Finanzanlagen
  • Kurzfristiges Vermögen (Umlaufvermögen): Vorräte, Forderungen, Wertpapiere, flüssige Mittel

Passivseite (Mittelherkunft):

  • Eigenkapital: Gezeichnetes Kapital, Rücklagen, Jahresüberschuss, ggf. wirtschaftliches Eigenkapital (z.B. Nachrangdarlehen)
  • Langfristiges Fremdkapital: Verbindlichkeiten und Rückstellungen mit Restlaufzeit > 5 Jahre
  • Mittelfristiges Fremdkapital: Verbindlichkeiten und Rückstellungen mit Restlaufzeit 1 - 5 Jahre
  • Kurzfristiges Fremdkapital: Verbindlichkeiten und Rückstellungen mit Restlaufzeit < 1 Jahr

Besonderheit: Rechnungsabgrenzungsposten und latente Steuern werden in der Strukturbilanz entweder umgegliedert oder eliminiert. Die Bilanzsumme kann von der HGB-Bilanz abweichen.

Vertiefung

Welche Aufbereitungsmaßnahmen gibt es bei der Strukturbilanz?

Die drei wesentlichen Aufbereitungsmaßnahmen sind:

1. Umgliederung:

  • Positionen werden nach wirtschaftlichem Gehalt neu zugeordnet (z.B. Forderungen nach Fristigkeit aufteilen)

2. Umwertung:

  • Wertansätze werden auf wirtschaftliche Werte angepasst (z.B. Hebung stiller Reserven, Abwertung fragwürdiger Positionen)

3. Saldierung:

  • Gegenseitige Posten werden verrechnet (z.B. Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber demselben Unternehmen)

Daneben gibt es Aufspaltung (ein Posten wird in mehrere aufgeteilt) und Neubildung (ein neuer Posten entsteht durch Zusammenfassung).

Vertiefung

Welche Aufbereitungsmaßnahmen gibt es auf der Aktivseite?

Typische Aufbereitungsmaßnahmen auf der Aktivseite:

  • Geschäfts- oder Firmenwert: Saldierung mit dem Eigenkapital
  • Selbsterstellte immaterielle Vermögensgegenstände: Saldierung mit dem Eigenkapital sofern nicht werthaltig
  • Aktive Rechnungsabgrenzungsposten (ARAP): Umgliederung in die Forderungen (kurzfristig)
    Ausnahme Disagio
  • Disagio: Saldierung mit dem Eigenkapital
  • Aktive latente Steuern: Saldierung mit dem Eigenkapital
  • Stille Reserven heben: Anlagevermögen auf Marktwerte aufwerten → Gegenbuchung im Eigenkapital; sofern eine Realisierung geplant ist.
  • Vorräte: Saldierung mit den erhaltenen Anzahlungen auf Bestellungen

Vertiefung

Welche Aufbereitungsmaßnahmen gibt es auf der Passivseite?

Typische Aufbereitungsmaßnahmen auf der Passivseite:

  • Eigenkapital erhöhen um stille Reserven (wenn Aktiva aufgewertet wurden): ggf. abzüglich latenter Steuern auf die gehobenen Reserven
  • Nachrangdarlehen / eigenkapitalähnliche Gesellschafterdarlehen: Umgliederung vom Fremdkapital ins wirtschaftliche Eigenkapital (bei Nachrangabrede, langer Laufzeit)
  • Passive Rechnungsabgrenzungsposten (PRAP): Umgliederung in kurzfristiges FK 
  • Passive latente Steuern: Umgliederung in das Eigenkapital
  • Rückstellungen: Aufspaltung nach Fristigkeit (kurzfristig/langfristig); Pensionsrückstellungen immer langfristiges FK
  • Verbindlichkeiten: Aufspaltung nach Restlaufzeit gem. Verbindlichkeitenspiegel

Vertiefung

Erläutern Sie Gruppierung, Umwertung, Saldierung
  1. Umgruppierung: hier werden bestehende Bilanzpositionen anderen Bilanzpositionen zugeordnet und sozusagen „verschoben“. Die Bilanzsumme verändert sich dabei nicht. Beispiel: ARAP wird in die Forderungen umgruppiert.

  2. Neubildung: hier werden bestehende Bilanzpositionen einer neu zu bildenden Position zugeordnet. Die Bilanzsumme verändert sich dabei nicht. Beispiel: Aus Rückstellungen wird Fremdkapital.

  3. Aufspaltung: hier werden bestehende Posten getrennt und in unterschiedliche Bilanzpositionen umgegliedert. Die Bilanzsumme verändert sich dabei nicht.

  4. Saldierung: eine bestehende Bilanzposition (z. B. ein Aktivaposition) wird mit einer Bilanzposition der anderen Bilanzseite (z. B. einer Passivaposition) verrechnet. Dadurch verringert sich die Bilanzsumme. Beispiel Disagio mit Eigenkapital

  5. Erweiterung: ist die Gegenrechnung der Saldierung. Eine bisher verrechnete Position wird nun einzeln gezeigt. Dadurch erhöht sich die Bilanzsumme
    Umbewertung; hierbei werden Posten anders bewertet, wodurch es zu Bilanzsummenänderungen kommt. Beispiel: Aufdeckung stiller Reserven

Vertiefung

Wie werden stille Reserven in der Strukturbilanz behandelt?

Stille Reserven: Differenz zwischen dem Buchwert (HGB) und dem höheren tatsächlichen Marktwert eines Vermögensgegenstands

Behandlung in der Strukturbilanz:

  1. Identifikation: Stille Reserven liegen typischerweise vor bei Grundstücken, Gebäuden, Beteiligungen und Vorräten
  2. Aktivseite – Aufwertung: Der Vermögensgegenstand wird auf seinen Marktwert hochgeschrieben
  3. Passivseite – Gegenbuchung:
    • Der Aufwertungsbetrag erhöht das Eigenkapital
    • Abzüglich latente Steuern auf den Aufwertungsbetrag (da bei späterer Realisierung Steuern anfallen)
    • Formel: EK-Erhöhung = stille Reserve × (1 – Steuersatz)
    • Die korrespondierenden passiven latenten Steuern werden als langfristiges FK ausgewiesen

Beispiel: Stille Reserve 200.000 €, Steuersatz 30 %
→ EK steigt um 140.000 €; passive latente Steuer 60.000 € (langfristiges FK)

Vertiefung

Woher erhalten Sie Marktwerte für die Strukturbilanz?

Marktwerte für die Strukturbilanz können aus verschiedenen Quellen bezogen werden:

Für Grundstücke und Immobilien:

  • Gutachten eines vereidigten Sachverständigen
  • Bodenrichtwerte der Gemeinden (Gutachterausschüsse)
  • Vergleichspreise aus dem Immobilienmarkt

Für Maschinen und technische Anlagen:

  • Wiederbeschaffungspreise laut Herstellerangeboten
  • Maschinenwertlisten (z.B. VDMA)
  • Gutachten von Sachverständigen

Für Wertpapiere und Beteiligungen:

  • Börsenkurse (bei börsennotierten Wertpapieren)
  • Unternehmensbewertungen (DCF, Multiplikatoren)
  • Jahresabschlüsse der Beteiligungsunternehmen

Für Vorräte:

  • Aktuelle Marktpreislisten, Preisindizes

Praxishinweis: Für externe Analysten sind Marktwerte oft nicht vollständig ermittelbar; in diesem Fall werden häufig konservative Schätzungen oder die Buchwerte beibehalten.

Vertiefung

Wie werden Pensionsrückstellungen in der Strukturbilanz behandelt?

Pensionsrückstellungen werden in der Strukturbilanz stets als langfristiges Fremdkapital klassifiziert.

Begründung:

  • Pensionsverpflichtungen sind typischerweise erst in ferner Zukunft (bei Renteneintritt der Mitarbeiter) fällig
  • Restlaufzeit regelmäßig > 5 Jahre

Besonderheit – Deckungsvermögen:

  • Soweit Pensionsrückstellungen durch Rückdeckungsversicherungen oder Planvermögen gedeckt sind (§ 246 Abs. 2 HGB: Saldierungsgebot), werden in der HGB-Bilanz bereits Nettowerte ausgewiesen
  • In der Strukturbilanz kann die Pensionsrückstellung auf Bruttobasis dargestellt werden (Separation von Vermögen und Verbindlichkeit)

Einfluss auf Kennzahlen:

  • Hohe Pensionsrückstellungen erhöhen das langfristige Fremdkapital erheblich
  • Wirkt sich negativ auf Eigenkapitalquote und Verschuldungsgrad aus

Vertiefung

Welche Form der Aufbereitung gibt es (Aufspaltung, Neubildung, Saldierung)?

1. Aufspaltung:

  • Ein Bilanzposten wird in mehrere Teilpositionen aufgeteilt
  • Beispiel: "Forderungen aus L&L" wird aufgeteilt in kurzfristige (< 1 Jahr) und langfristige (> 1 Jahr) Forderungen
  • Beispiel: Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten werden in kurzfristige und langfristige Anteile aufgespalten

2. Neubildung:

  • Mehrere Bilanzpositionen werden zu einem neuen Posten zusammengefasst
  • Beispiel: Kassenbestand, Bankguthaben und kurzfristige Wertpapiere werden zu "Flüssige Mittel" zusammengefasst
  • Beispiel: Alle kurzfristigen Verbindlichkeiten werden zu "Kurzfristiges Fremdkapital" gebündelt

3. Saldierung:

  • Zusammengehörige Aktiv- und Passivpositionen werden gegeneinander aufgerechnet
  • Beispiel: Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber verbundenen Unternehmen
  • Beispiel: Bankguthaben und kurzfristige Kontokorrentkredite
  • Achtung: Saldierung verkürzt die Bilanzsumme – Kennzahlen werden dadurch beeinflusst

Vertiefung

Wie werden Zuschüsse und Rücklagen (Sonderposten) in der Strukturbilanz behandelt?

Investitionszuschüsse:

  • In der HGB-Bilanz als PRAP oder passivischer Sonderposten ausgewiesen
  • In der Strukturbilanz: Zuordnung zu Eigenkapital oder langfristigem Fremdkapital je nach Rückzahlungspflicht
  • Nicht rückzahlbare Zuschüsse → wirtschaftliches Eigenkapital
  • Rückzahlbare Zuschüsse → langfristiges Fremdkapital

Sonderposten mit Rücklageanteil (§ 247 Abs. 3 HGB a.F. – vor BilMoG):

  • Seit BilMoG (2010) in der HGB-Bilanz nicht mehr zulässig
  • In älteren Abschlüssen: Aufteilung in Eigenkapitalanteil (nach Steuern) und passivischen Steuerlatenzanteil

Sonstige Sonderposten (z.B. aus öffentlichen Förderungen):

  • Wirtschaftliche Beurteilung entscheidend: Liegt eine echte Rückzahlungsverpflichtung vor → FK; liegt keine Verpflichtung vor → EK-ähnlich

Kennzahlen – Liquidität

Vertiefung

Was ist Liquidität?

Liquidität: Die Fähigkeit eines Unternehmens, seinen Zahlungsverpflichtungen jederzeit und vollständig nachkommen zu können.

Arten der Liquidität:

  • Statische Liquidität: Stichtagsbezogen – Verhältnis von liquiden Mitteln zu fälligen Verbindlichkeiten aus der Bilanz
  • Dynamische Liquidität: Zeitraumbezogen – Cashflow-basierte Betrachtung der Zahlungsfähigkeit

Abgrenzung:

  • Zahlungsfähigkeit (Liquidität i.e.S.): Kurzfristige Fähigkeit, fällige Verbindlichkeiten zu bezahlen
  • Finanzielle Stabilität: Langfristige Sicherung der Zahlungsfähigkeit

Insolvenzrechtliche Bedeutung: Zahlungsunfähigkeit (§ 17 InsO) liegt vor, wenn ein Unternehmen fällige Zahlungspflichten nicht mehr erfüllen kann. Dies ist ein zentraler Insolvenzantragsgrund.

Vertiefung

Welche Liquiditätsgrade gibt es?

Es werden drei statische Liquiditätsgrade unterschieden, die jeweils unterschiedliche Teile des Umlaufvermögens dem kurzfristigen Fremdkapital gegenüberstellen:

  • Liquiditätsgrad 1 (Cash Ratio): Flüssige Mittel / Kurzfristiges FK × 100
  • Liquiditätsgrad 2 (Quick Ratio): (Flüssige Mittel + Forderungen) / Kurzfristiges FK × 100
  • Liquiditätsgrad 3 (Current Ratio): Gesamtes Umlaufvermögen / Kurzfristiges FK × 100

Richtwerte:

  • LG 1: 10–30 %
  • LG 2: 100 % (als Mindestgröße angestrebt)
  • LG 3: 120–150 %

Prüfungshinweis: Die Richtwerte sind branchenabhängig und dienen nur als Orientierung. Im Einzelfall entscheidend ist die Analyse der Zahlungsströme.

Vertiefung

Wie wird der Liquiditätsgrad 1. Grades berechnet und was sagt er aus?

Formel:

Liquiditätsgrad 1 = (Flüssige Mittel / Kurzfristiges Fremdkapital) × 100

Flüssige Mittel: Kassenbestand + Bankguthaben + Schecks + WP des Umlaufvermögens

Aussage:

  • Gibt an, wie viel Prozent der kurzfristigen Verbindlichkeiten sofort aus vorhandenen liquiden Mitteln bezahlt werden können
  • Strengste Liquiditätskennzahl (keine Umwandlung von Vermögen notwendig)

Richtwert: 10–30 %

  • Zu niedrig (< 10 %): Gefahr der Zahlungsunfähigkeit bei unerwarteten Fälligkeiten
  • Zu hoch (> 30 %): Überschüssige Liquidität – ineffizienter Mitteleinsatz, Ertragsverlust

Einschränkung: Stichtagsbezogen; Fälligkeit der Verbindlichkeiten wird nicht berücksichtigt – daher nur eingeschränkt aussagekräftig.

Vertiefung

Wie wird der Liquiditätsgrad 2. Grades berechnet und was sagt er aus?

Formel:

Liquiditätsgrad 2 = ((Flüssige Mittel + Forderungen) / Kurzfristiges Fremdkapital) × 100

Aussage:

  • Gibt an, wie viel Prozent der kurzfristigen Verbindlichkeiten durch sofort verfügbare und kurzfristig einbringliche Mittel gedeckt sind
  • Schließt Vorräte aus (da Vorräte erst verkauft und in Forderungen bzw. Liquidität umgewandelt werden müssen)

Richtwert: ≥ 100 %

  • < 100 %: Kurzfristiges FK kann nicht vollständig ohne Veräußerung von Vorräten bedient werden → erhöhtes Liquiditätsrisiko
  • ≥ 100 %: Solide kurzfristige Zahlungsfähigkeit

Bedeutung: Der LG 2 ist die in der Praxis und bei Banken am häufigsten verwendete Liquiditätskennzahl.

Vertiefung

Wie wird der Liquiditätsgrad 3. Grades berechnet und was sagt er aus?

Formel:

Liquiditätsgrad 3 = (Umlaufvermögen / Kurzfristiges Fremdkapital) × 100

Aussage:

  • Gibt an, wie viel Prozent der kurzfristigen Verbindlichkeiten durch das gesamte Umlaufvermögen (inkl. Vorräte) gedeckt sind
  • Berücksichtigt auch die Vorräte, die zunächst noch verkauft werden müssen

Richtwert: 120–150 %

  • < 100 %: Gefährliche Liquiditätssituation; kurzfristiges FK wird auch durch AV finanziert
  • > 200 %: Ggf. zu viel gebundenes Kapital im Umlaufvermögen (ineffizient)

Zusammenhang mit Working Capital: LG 3 > 100 % entspricht positivem Working Capital (UV > kurzfristiges FK).

Vertiefung

Ist eine Liquidität 1. Grades von 20% realistisch?

Ja, ein LG 1 von 20 % ist realistisch und sogar im Richtwertbereich (10–30 %).

Begründung:

  • Unternehmen halten nur so viel Liquidität vor, wie zur Sicherung des laufenden Zahlungsverkehrs notwendig ist
  • Überschüssige Kassenbestände wären unrentabel – das Geld würde keine Rendite erwirtschaften
  • Ein LG 1 von 20 % bedeutet: 20 % der kurzfristigen Verbindlichkeiten können sofort aus der Kasse/vom Bankkonto bezahlt werden

Branchenabhängigkeit:

  • Einzelhandel: Oft höhere LG-1-Werte (hohe Barumsätze, schnelle Einzahlungen)
  • Investitionsgüterhersteller: Oft niedrige LG-1-Werte (lange Zahlungsziele)

Prüfungshinweis: Entscheidend ist nicht ein einzelner Stichtagswert, sondern die Entwicklung über Zeit sowie die tatsächliche Fälligkeit der Verbindlichkeiten.

Vertiefung

Warum haben Sie sich für Liquiditätsgrad 2 statt 3 entschieden?

Diese Frage zielt auf die Begründung der Kennzahlauswahl ab. Strukturierte Antwort:

Argumente für Liquiditätsgrad 2:

  • Schließt Vorräte aus, da Vorräte nicht sofort liquidierbar sind und ihre Verwertung Zeit benötigt und unsicher sein kann
  • Zeigt realistischer, ob das Unternehmen seine kurzfristigen Verbindlichkeiten ohne Vorratsverwertung bedienen kann
  • Branchenunabhängiger und aussagekräftiger als LG 3
  • Häufigste Kennzahl im Bankrating

Wann LG 3 sinnvoller:

  • Bei Handelsunternehmen mit schnell drehenden, gut verwertbaren Vorräten
  • Wenn die gesamte Finanzierungsstruktur des Umlaufvermögens bewertet werden soll

Fazit: LG 2 ist konservativer und aussagekräftiger für die Kurzfristliquidität, LG 3 zeigt das Gesamtbild des UV-Finanzierungsspielraums.

Vertiefung

Wie verändern sich die Liquiditätskennzahlen durch bestimmte Bilanzposten?

Die Liquiditätsgrade reagieren auf Veränderungen einzelner Bilanzpositionen:

MaßnahmeLG 1LG 2LG 3
Kreditaufnahme kurzfristig, Zufluss zu Bank↑ / –↑ / –↑ / –
Kauf von Vorräten auf Ziel
Einkauf von Vorräten gegen Barzahlung
Forderungseinzug (Zahlung durch Kunden)
Tilgung kurzfristiger Verbindlichkeit (Aktivtausch scheidet aus)↓ / ↑↓ / ↑↓ / ↑
Kapitalerhöhung (Bar)

Prüfungshinweis: Immer prüfen, ob sich Zähler und Nenner des Bruchs gleichzeitig verändern und in welchem Verhältnis – bei gleichsinnigen Änderungen ist die Richtung vom Ausgangsniveau abhängig.

Vertiefung

Was ist der Unterschied zwischen statischen und dynamischen Liquiditätskennzahlen?

Statische Liquiditätskennzahlen:

  • Stichtagsbezogen – basieren auf Bilanzdaten zu einem bestimmten Zeitpunkt
  • Zeigen das Verhältnis von Vermögensbeständen zu Schulden
  • Beispiele: Liquiditätsgrad 1, 2 und 3
  • Nachteil: Keine Aussage über zukünftige Zahlungsströme; Stichtagsverzerrung möglich

Dynamische Liquiditätskennzahlen:

  • Zeitraumbezogen – basieren auf Zahlungsströmen (Cashflow) über eine Periode
  • Zeigen die Fähigkeit des Unternehmens, aus dem laufenden Geschäft Liquidität zu generieren
  • Beispiele: Cashflow-Umsatz-Rate, dynamischer Verschuldungsgrad (FK / Cashflow), Cash Burn Rate
  • Vorteil: Zukunftsorientiert, zeigt Nachhaltigkeit der Zahlungsfähigkeit

Vertiefung

Nennen Sie Vor- und Nachteile statischer vs. dynamischer Liquiditätskennzahlen

Statische Kennzahlen:

  • Vorteile: Einfach zu berechnen aus dem Jahresabschluss; schneller Überblick; standardisiert und vergleichbar
  • Nachteile: Stichtagsbezogen → anfällig für "Window Dressing" (gezielte Bilanzoptimierung zum Stichtag); keine Berücksichtigung zukünftiger Ein- und Auszahlungen; Fälligkeit der Verbindlichkeiten nicht abgebildet

Dynamische Kennzahlen:

  • Vorteile: Periodenorientiert; berücksichtigt tatsächliche Zahlungsströme; weniger manipulierbar; Zukunftsorientierung
  • Nachteile: Erfordern Kapitalflussrechnung oder detailliertere Informationen; aufwändiger zu ermitteln; weniger standardisiert; Vergangenheitsdaten nicht zwingend zukunftsrelevant

Fazit: Optimale Liquiditätsbeurteilung durch Kombination statischer und dynamischer Kennzahlen.

Vertiefung

Welche anderen Kennzahlen gibt es zur Beurteilung der Liquidität auf der Passivseite?

Neben den aktivseitigen Liquiditätsgraden gibt es passivseitige Kennzahlen zur Liquiditätsbeurteilung:

  • Verschuldungsgrad: Fremdkapital / Eigenkapital – zeigt das Verhältnis von FK zu EK; je höher, desto stärker fremdfinanziert und anfälliger für Liquiditätsprobleme
  • Eigenkapitalquote: EK / Gesamtkapital – je höher, desto stabiler die Finanzierungsstruktur
  • Kurzfristigkeitsgrad des FK: Kurzfristiges FK / Gesamtes FK – gibt den Anteil des kurzfristig fälligen Fremdkapitals an
  • Dynamischer Verschuldungsgrad: Nettoverbindlichkeiten / Cashflow – gibt an, in wie vielen Jahren das Unternehmen seine Schulden aus dem Cashflow tilgen könnte
  • Zinsdeckungsgrad (Interest Coverage Ratio): EBIT / Zinsaufwand – zeigt, wie gut Zinszahlungen aus dem operativen Ergebnis gedeckt werden können

Vertiefung

Wie kann man den Liquiditätsgrad 1 verbessern?

Maßnahmen zur Verbesserung des Liquiditätsgrades:

Zähler erhöhen (liquide/kurzfristig einbringlich):

  • Forderungsmanagement verbessern: Mahnwesen straffen, Zahlungsziele verkürzen
  • Factoring: Forderungen an Factor verkaufen → sofortige Liquidität
  • Lagerabbau: Vorräte reduzieren → Cashzufluss
  • Anlagen verkaufen und zurückmieten (Sale-and-Lease-Back)
  • Kapitalerhöhung durch Gesellschafter

Nenner senken (kurzfristiges Fremdkapital):

  • Kurzfristige Verbindlichkeiten in langfristige umschulden
  • Verlängerung von Kreditlaufzeiten
  • Lieferantenverbindlichkeiten: Zahlungsziele mit Lieferanten verlängern

Kennzahlen – Cashflow

Vertiefung

Was ist der Cashflow?

Cashflow: Der Saldo aus zahlungswirksamen Einnahmen und Ausgaben einer Periode. Er zeigt, welchen Überschuss an liquiden Mitteln ein Unternehmen aus seiner laufenden Geschäftstätigkeit generiert hat.

Bedeutung:

  • Misst die Innenfinanzierungskraft des Unternehmens
  • Zeigt, ob ein Unternehmen Investitionen, Schuldentilgungen und Ausschüttungen aus eigener Kraft finanzieren kann
  • Weniger manipulierbar als der Jahresüberschuss (da zahlungsorientiert)

Abgrenzung vom Jahresüberschuss:

  • Jahresüberschuss: periodengerechtes Ergebnis (enthält nicht zahlungswirksame Positionen wie AfA, Rückstellungen)
  • Cashflow: tatsächlich erzielte Geldmittel aus der Periode

Vertiefung

Was bedeutet Cashflow und welche Aussagekraft hat er?

Übersetzung: "Geldfluss" oder "Zahlungsstrom"

Aussagekraft:

  • Innenfinanzierungspotenzial: Wie viel Kapital generiert das Unternehmen aus dem laufenden Betrieb?
  • Schuldentilgungsfähigkeit: Kann das Unternehmen seine Schulden aus eigenen Mitteln bedienen?
  • Investitionsfähigkeit: Stehen ausreichend Mittel für Investitionen zur Verfügung, ohne Fremdkapital aufnehmen zu müssen?
  • Ausschüttungsfähigkeit: Können Gewinne an Gesellschafter ausgeschüttet werden?

Grenzen:

  • Stichtagsbetrachtung des Cashflows kann durch saisonale Schwankungen verzerrt sein
  • Unterschiedliche Berechnungsmethoden erschweren den Unternehmensvergleich

Vertiefung

Wie wird der Brutto-Cashflow berechnet?

Es gibt zwei grundlegende Methoden:

1. Direkte Methode:

  • Einzahlungen aus dem Umsatz
  • – Auszahlungen für Material, Personal, sonstige Aufwendungen
  • = Cashflow
  • Vorteil: Direkte Darstellung der Zahlungsströme; Nachteil: Datenbasis oft nicht öffentlich verfügbar

2. Indirekte Methode (Praktiker-Formel, häufigste Methode):

  • Jahresüberschuss
  • + Abschreibungen (nicht zahlungswirksam)
  • + Zunahme Rückstellungen (nicht zahlungswirksam)
  • – Auflösung Rückstellungen
  • = Cashflow (vereinfacht)

Erweiterung: Für vollständigere Darstellung zusätzlich Berücksichtigung von Working Capital-Veränderungen (Vorräte, Forderungen, Verbindlichkeiten).

Vertiefung

Was ist der Unterschied zwischen Cashflow und Liquiditätsgraden?
MerkmalCashflowLiquiditätsgrade
BezugZeitraum (Periode)Stichtag (Bilanz)
ArtDynamischStatisch
BasisGuV + BilanzveränderungenBilanzdaten
AussageInnenfinanzierungskraftKurzfristige Zahlungsfähigkeit
ZukunftsorientierungHöherGeringer

Fazit: Liquiditätsgrade zeigen, ob die vorhandenen Mittel zur Deckung kurzfristiger Schulden ausreichen. Der Cashflow zeigt, ob das Unternehmen in der Lage ist, laufend neue liquide Mittel zu generieren. Beide Kennzahlen ergänzen sich.

Vertiefung

Welche Schritte gibt es bei der Ermittlung des Cashflow?

Der Cashflow wird in der Kapitalflussrechnung in drei Bereiche aufgeteilt (DRS 21):

1. Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit (operativer CF):

  • Ausgangspunkt: Jahresüberschuss
  • + nicht zahlungswirksame Aufwendungen (AfA, Rückstellungszuführungen)
  • – nicht zahlungswirksame Erträge (Rückstellungsauflösungen)
  • +/– Veränderungen im Working Capital (Vorräte, Forderungen, Verbindlichkeiten)

2. Cashflow aus Investitionstätigkeit:

  • Auszahlungen für Investitionen in das Anlagevermögen
  • + Einzahlungen aus Desinvestitionen

3. Cashflow aus Finanzierungstätigkeit:

  • Einzahlungen aus Kapitalerhöhungen oder Kreditaufnahmen
  • – Auszahlungen für Tilgungen und Ausschüttungen

Summe der drei Bereiche = Veränderung des Finanzmittelbestands

Vertiefung

Was ist die Cash Burn Rate?

Cash Burn Rate: Gibt an, wie schnell ein Unternehmen seine vorhandenen liquiden Mittel verbraucht.

Formel:

Cash Burn Rate = Flüssige Mittel / Jährlicher Cashflow-Abfluss (bei negativem CF)

Aussage: Wie viele Jahre kann das Unternehmen bei aktuellem Mittelabfluss noch weitermachen, bevor die Liquidität aufgebraucht ist?

Relevanz:

  • Besonders wichtig für Start-ups und Verlustunternehmen, die noch keinen positiven Cashflow erwirtschaften
  • Zeigt den zeitlichen Handlungsspielraum bis zur nächsten Finanzierungsrunde oder bis zur Insolvenz

Beispiel: Flüssige Mittel 600.000 €; monatlicher Mittelabfluss 100.000 € → Cash Burn Rate = 0,5 Jahre

Vertiefung

Was ist der Cash Conversion Cycle?

Cash Conversion Cycle (CCC), auch: Geldumschlagsdauer: Gibt an, wie viele Tage zwischen der Auszahlung für Rohmaterial und dem Eingang der Kundenzahlung vergehen.

Formel:

CCC = Ø Lagerdauer + Debitorenziel – Kreditorenziel

Aussage:

  • Je kürzer der CCC, desto weniger Working Capital wird benötigt
  • Negativer CCC: Das Unternehmen erhält Kundenzahlungen, bevor es selbst zahlen muss (z.B. Einzelhandel mit Kreditkauf)

Optimierungsmaßnahmen: Lagerdauer verkürzen, Debitoren schneller bezahlen lassen, Kreditorenzahlungsziele verlängern.

Vertiefung

Was ist die Cashflow-Umsatz-Rate?

Cashflow-Umsatz-Rate: Gibt an, wie viel Prozent des Umsatzes als Cashflow verbleibt.

Formel:

Cashflow-Umsatz-Rate = (Cashflow / Umsatzerlöse) × 100

Aussage:

  • Je höher die Rate, desto besser die Innenfinanzierungskraft je Euro Umsatz
  • Zeigt, wie effizient das Unternehmen aus seinen Umsätzen Geldmittel generiert

Richtwert: Branchenabhängig; typisch 5–10 % bei produzierenden Unternehmen

Abgrenzung zur Umsatzrentabilität:

  • Umsatzrentabilität = Ergebnis / Umsatz (periodengerechtes Ergebnis)
  • Cashflow-Umsatz-Rate = Cashflow / Umsatz (zahlungsorientiert, weniger durch Bewertungswahlrechte beeinflusst)

Kennzahlen – Working Capital

Vertiefung

Was ist Working Capital?

Working Capital (Nettoumlaufvermögen): Differenz zwischen dem Umlaufvermögen und dem kurzfristigen Fremdkapital.

Es stellt den Teil des Umlaufvermögens dar, der nicht durch kurzfristiges Fremdkapital finanziert ist, sondern durch langfristiges Kapital (Eigenkapital + langfristiges FK).

Working Capital = Umlaufvermögen – kurzfristiges Fremdkapital

Bedeutung:

  • Positives WC: Pufferkapazität; kurzfristige Verbindlichkeiten können vollständig aus UV gedeckt werden
  • Negatives WC: Teile des Anlagevermögens sind kurzfristig finanziert → strukturelles Liquiditätsrisiko

Vertiefung

Wie wird das Working Capital berechnet?

Formel:

Working Capital = Umlaufvermögen – kurzfristiges Fremdkapital

Bestandteile Umlaufvermögen: Vorräte + Forderungen + Wertpapiere (kurzfristig) + flüssige Mittel

Bestandteile kurzfristiges FK: Kurzfristige Verbindlichkeiten aus L&L, kurzfristige Bankverbindlichkeiten, kurzfristige Rückstellungen, sonstige kurzfristige Verbindlichkeiten (Restlaufzeit < 1 Jahr)

Erweiterung – Net Working Capital (NWC, häufiger in der Praxis):

NWC = Vorräte + Forderungen – kurzfristiges FK

Vertiefung

Welche Funktion hat das Working Capital?

Das Working Capital erfüllt mehrere Funktionen:

  • Liquiditätspuffer: Schutzpolster, das sicherstellt, dass kurzfristige Verbindlichkeiten aus dem Umlaufvermögen bedient werden können
  • Finanzierungsnachweis: Zeigt, ob das Umlaufvermögen fristenkongruent finanziert ist
  • Steuerungsinstrument: Grundlage für die operative Liquiditätssteuerung (z.B. Optimierung von Lager, Forderungen, Verbindlichkeiten)
  • Bonitätsindikator: Positives WC signalisiert Kreditgebern Zahlungsstabilität

Vertiefung

Was sagt das Working Capital aus?

Interpretation:

  • Positives Working Capital (UV > kurzfristiges FK):
    • Gesunde Liquiditätssituation
    • Das Unternehmen kann kurzfristige Verbindlichkeiten aus dem Umlaufvermögen vollständig decken
    • Ein Teil des UV ist langfristig finanziert (Fristenkongruenz)
  • Negatives Working Capital (UV < kurzfristiges FK):
    • Kurzfristiges FK finanziert teilweise das Anlagevermögen → Verstoß gegen die goldene Bilanzregel
    • Erhöhtes Liquiditätsrisiko
    • Ausnahme: Einzelhandel (Vorkasse) kann strukturell negatives WC haben

Zusammenhang mit LG 3: Working Capital > 0 entspricht LG 3 > 100 %.

Kennzahlen – Eigenkapital & Vermögensstruktur

Vertiefung

Was ist die Eigenkapitalquote und wie wird sie berechnet?

Eigenkapitalquote: Gibt an, wie viel Prozent des Gesamtkapitals durch Eigenkapital finanziert sind.

Formel:

Eigenkapitalquote = (Eigenkapital / Gesamtkapital) × 100

Aussage:

  • Je höher die EK-Quote, desto stabiler und unabhängiger ist das Unternehmen von Fremdkapitalgebern
  • Hohes EK = geringeres Insolvenzrisiko, bessere Kreditwürdigkeit

Richtwerte:

  • Gesund: ≥ 30 %
  • Branchen mit hohem Anlagevermögen (z.B. Industrie): 30–50 %
  • Handelsunternehmen: oft 15–25 % (höherer FK-Anteil strukturell)

Prüfungshinweis: Bei der Analyse mit der Strukturbilanz ist das wirtschaftliche EK (nach Umgliederungen) maßgeblich, nicht der bilanzielle Ausweisbetrag.

Vertiefung

Was wird alles bei der Erstellung der Strukturbilanz mit dem Eigenkapital verrechnet?

Bei der analytischen Ermittlung des wirtschaftlichen Eigenkapitals werden folgende Positionen abgezogen oder hinzugerechnet:

Abzüge (mindern das wirtschaftliche EK):

  • Geschäfts- oder Firmenwert (nicht substanzhaltig)
  • Selbsterstellte immaterielle VG (sofern nicht werthaltig)
  • Ausstehende Einlagen auf das gezeichnete Kapital
  • Disagio innerhalb des ARAPs
  • Aktive latente Steuern
  • geplante Ausschüttungen

Hinzurechnungen (erhöhen das wirtschaftliche EK):

  • Stille Reserven (nach Steuern)
  • Mezzanine zB. Nachrangdarlehen / eigenkapitalähnliche Verbindlichkeiten
  • Passive latente Steuern

Vertiefung

Was ist die Anlagenintensität?

Anlagenintensität: Gibt an, welcher Anteil des Gesamtvermögens im Anlagevermögen gebunden ist.

Formel:

Anlagenintensität = (Anlagevermögen / Gesamtvermögen) × 100

Aussage:

  • Hohe Anlagenintensität (z.B. > 60 %): Kapitalintensives Unternehmen (z.B. Maschinenbau, Energieversorger) – hohe Fixkosten, geringere Flexibilität
  • Niedrige Anlagenintensität (z.B. < 30 %): Dienstleistungs- oder Handelsunternehmen – flexible Kostenstruktur

Bedeutung für Liquidität: Hohe Anlagenintensität bedeutet, dass mehr langfristiges Kapital zur Finanzierung benötigt wird (goldene Bilanzregel beachten).

Vertiefung

Was ist die Anlagedeckung?

Die Anlagedeckung zeigt, in welchem Ausmaß das Anlagevermögen durch langfristiges Kapital finanziert ist. Sie wird über zwei Kennzahlen gemessen:

  • Anlagendeckungsgrad 1: EK / AV × 100
  • Anlagendeckungsgrad 2: (EK + lang- und mittelfristiges FK) / AV × 100

Grundprinzip (Goldene Bilanzregel): Langfristig gebundenes Vermögen sollte durch lang- und mittellfristiges Kapital finanziert sein → Anlagendeckungsgrad 2 sollte ≥ 100 % sein.

Vertiefung

Was ist der Anlagendeckungsgrad 1?

Anlagendeckungsgrad 1: Zeigt, zu welchem Anteil das Anlagevermögen durch Eigenkapital finanziert ist.

Formel:

Anlagendeckungsgrad 1 = (Eigenkapital / Anlagevermögen) × 100

Aussage:

  • Richtwert: ≥ 100 % (strenges Prinzip; in der Praxis selten, da sehr konservativ)
  • Hoher Wert: Sehr solide Finanzierung; kaum Abhängigkeit von Fremdkapitalgebern
  • Niedriger Wert: Das AV ist teilweise fremdfinanziert – normal und üblich

Praxishinweis: Der ADG 1 wird selten als alleinige Kennzahl verwendet; wichtiger ist der ADG 2.

Vertiefung

Was ist der Anlagendeckungsgrad 2? Wie wird er berechnet?

Anlagendeckungsgrad 2: Zeigt, zu welchem Anteil das Anlagevermögen durch langfristiges Kapital (EK + lang- und mittelfristiges FK) gedeckt ist.

Formel:

Anlagendeckungsgrad 2 = ((Eigenkapital + lang- und mittelfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen) × 100

Richtwert: ≥ 100 %

  • < 100 %: Teile des Anlagevermögens sind durch kurzfristiges FK finanziert → Verstoß gegen die goldene Bilanzregel → Liquiditätsrisiko
  • = 100 %: Das gesamte AV ist langfristig finanziert; kurzfristiges FK finanziert ausschließlich das UV
  • > 100 %: Besonders solide; langfristiges Kapital finanziert auch Teile des UV

Bedeutung: Der ADG 2 ist die praxisrelevanteste Kennzahl zur Überprüfung der goldenen Bilanzregel.

Vertiefung

Was ist die goldene Bilanzregel?

Goldene Bilanzregel (Fristenkongruenzprinzip): Grundsatz, nach dem die Kapitalbindungsdauer der Aktiva mit der Kapitalüberlassungsdauer der Passiva übereinstimmen sollte.

Inhalt:

  • Langfristiges Vermögen (Anlagevermögen) sollte durch langfristiges Kapital (EK + langfristiges FK) finanziert werden
  • Kurzfristiges Vermögen (Umlaufvermögen) kann durch kurzfristiges FK finanziert werden

Zwei Ausprägungen:

  • Enge (eiserne) Regel: AV soll vollständig durch EK gedeckt sein → ADG 1 ≥ 100 %
  • Weite (bankübliche) Regel: AV soll durch EK + langfristiges FK gedeckt sein → ADG 2 ≥ 100 %

Verstoß: Finanzierung von AV durch kurzfristiges FK → Gefahr, dass FK vorzeitig gekündigt wird, bevor das Unternehmen das AV liquidieren kann → Liquiditätsrisiko.

Vertiefung

Wie verhält sich die Fristigkeit von Fremdkapital zur Aktivseite (Fristenkongruenz)?

Fristenkongruenz bedeutet: Die Laufzeit des Fremdkapitals muss mindestens so lang sein wie die Bindungsdauer des damit finanzierten Vermögens.

Korrekte Zuordnung:

VermögenspositionSollte finanziert werden durch
Grundstücke, GebäudeEigenkapital, Hypothekendarlehen (> 10 Jahre)
Maschinen, AnlagenEK, langfristige Darlehen oder Leasing
Dauerhaftes Umlaufvermögen (Eiserner Bestand)Langfristiges FK oder EK
Saisonale Vorräte, kurzfristige ForderungenKurzfristiger Bankkredit, Lieferantenkredit

Konsequenz bei Inkongruenz: Wird langfristiges Vermögen kurzfristig finanziert, riskiert das Unternehmen, dass der Kreditgeber das FK kündigt, bevor das Anlagegut abgeschrieben oder verkauft ist.

Vertiefung

Was versteht man unter Fristenkongruenz?

Fristenkongruenz: Das Prinzip, dass Vermögensgegenstände und die sie finanzierenden Kapitalquellen gleiche oder ähnliche Laufzeiten aufweisen sollten.

Begründung:

  • Langfristige Vermögensgegenstände (z.B. Maschinen) können nicht kurzfristig liquidiert werden
  • Wenn das Fremdkapital vor dem Vermögen fällig ist, droht Zahlungsunfähigkeit

Operationalisierung:

  • Anlagendeckungsgrad 2 ≥ 100 %
  • Positives Working Capital

Praxisbeispiel (Verstoß): Finanzierung eines 20-Jahre-Gebäudes durch einen 3-Jahres-Kredit → nach 3 Jahren ist der Kredit fällig, das Gebäude aber nicht liquidierbar → Refinanzierungsrisiko.

Kennzahlen – Verschuldung

Vertiefung

Was ist der Verschuldungsgrad?

Verschuldungsgrad (statisch): Gibt das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital an.

Formel:

Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Eigenkapital

Aussage:

  • Zeigt, wie viel Euro Fremdkapital auf jeden Euro Eigenkapital entfallen
  • Je niedriger, desto geringer die Abhängigkeit von Fremdkapitalgebern und desto stabiler das Unternehmen

Richtwert:

  • Maximal 2 (= EK-Quote 33,3 %) als grobe Orientierung
  • Bis max 3 (= EK-Quote 25,0 %) schwach ausreichend.
  • Branchenabhängig: Handelsunternehmen häufig höher, kapitalstarke Industrie eher niedriger

Leverage-Effekt: Ein hoher Verschuldungsgrad kann die Eigenkapitalrentabilität erhöhen, solange der Fremdkapitalzins unter der Gesamtkapitalrentabilität liegt – erhöht aber das Risiko erheblich.

Vertiefung

Was ist der dynamische Verschuldungsgrad?

Dynamischer Verschuldungsgrad (Tilgungsdauer): Gibt an, in wie vielen Jahren ein Unternehmen seine Nettoverbindlichkeiten theoretisch aus dem Cashflow tilgen könnte.

Formel:

Dynamischer Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Cashflow 

Richtwert:

  • < 3 Jahre: Sehr solide Finanzierungssituation
  • 3–5 Jahre: Normal
  • > 5 Jahre: Erhöhtes Risiko; kritisch aus Bankensicht

Vorteil gegenüber statischem Verschuldungsgrad: Berücksichtigt die Ertragskraft des Unternehmens, nicht nur Stichtagsdaten.

Vertiefung

Wie beurteilen Sie den dynamischen Verschuldungsgrad?

Der dynamische Verschuldungsgrad ist eine der aussagekräftigsten Kennzahlen der Bilanzanalyse, da er Verschuldung und Ertragskraft verbindet:

Beurteilungsrahmen:

  • < 2 Jahre: Ausgezeichnete Finanzkraft; FK vollständig aus laufendem CF in kurzer Zeit tilgbar
  • 2–3 Jahre: Gut; solide Finanzierungsstruktur
  • 3–5 Jahre: Akzeptabel; Bankstandard für Kreditvergabe
  • > 5 Jahre: Kritisch; Unternehmen ist stark verschuldet relativ zu seiner Ertragskraft

Einschränkungen:

  • Cashflow eines Jahres ist möglicherweise nicht repräsentativ (Sondereffekte)
  • Nicht alle Verbindlichkeiten müssen sofort getilgt werden
  • Branchenunterschiede beachten (z.B. Immobilienunternehmen strukturell höher)

Prüfungshinweis: Immer im Mehrjahresvergleich und im Branchenvergleich interpretieren.

Kennzahlen – Rentabilität

Vertiefung

Was sind Rentabilitätskennzahlen?

Rentabilitätskennzahlen: Relative Erfolgskennzahlen, die den Gewinn oder das Ergebnis ins Verhältnis zu einer Bezugsgröße (eingesetztes Kapital, Umsatz) setzen.

Ziel: Messung der Effizienz des Kapitaleinsatzes – wie viel Gewinn wird je eingesetztem Euro erwirtschaftet?

Wichtige Rentabilitätskennzahlen:

  • Umsatzrentabilität (ROS): Jahresergebnis / Umsatz × 100
  • Eigenkapitalrentabilität (ROE): Jahresergebnis / EK × 100
  • Gesamtkapitalrentabilität (ROA): (Jahresergebnis + Zinsaufwand) / Gesamtkapital × 100

Bedeutung: Rentabilitätskennzahlen ermöglichen Unternehmensvergleiche unabhängig von der absoluten Größe.

Vertiefung

Was ist die Umsatzrentabilität? Wie wird sie berechnet?

Umsatzrentabilität (Return on Sales, ROS): Gibt an, wie viel Prozent des Umsatzes als Gewinn verbleiben.

Formel:

Umsatzrentabilität = (Jahresergebnis / Umsatzerlöse) × 100

Aussage:

  • Je höher, desto profitabler das Unternehmen bei der Leistungserbringung
  • Zeigt die Marge des operativen Geschäfts

Richtwerte (branchenabhängig):

  • Handel: 1–3 %
  • Produktion: 3–10 %
  • Software/Dienstleistung: 10–25 %

Anwendung: Zeitvergleich (Verbesserung der Marge über mehrere Jahre) und Branchenvergleich (Margenunterschiede erklären)

Vertiefung

Was ist die Eigenkapitalrentabilität?

Eigenkapitalrentabilität (Return on Equity, ROE): Gibt an, wie viel Prozent Rendite das eingesetzte Eigenkapital erwirtschaftet hat.

Formel:

Eigenkapitalrentabilität = (Jahresüberschuss / Eigenkapital) × 100

Aussage:

  • Maßstab aus Gesellschafterperspektive: Ist die Investition rentabler als eine Alternativanlage?
  • Richtwert: sollte über dem Marktzins liegen (Opportunitätskosten des EK)

Leverage-Effekt:

  • Durch Fremdkapitalaufnahme kann die EK-Rentabilität gesteigert werden, wenn FK-Zins < Gesamtkapitalrentabilität
  • Höheres FK erhöht aber auch das Risiko

Einschränkung: Unternehmen mit niedrigem EK (z.B. durch Verluste) können eine rechnerisch hohe EK-Rentabilität zeigen – Vorsicht bei der Interpretation.

Vertiefung

Was ist die Gesamtkapitalrentabilität?

Gesamtkapitalrentabilität (Return on Assets, ROA): Gibt an, wie rentabel das gesamte im Unternehmen eingesetzte Kapital ist, unabhängig von der Finanzierungsstruktur.

Formel:

Gesamtkapitalrentabilität = ((Jahresergebnis + Zinsaufwand) / Gesamtkapital) × 100

Begründung des Zinsaufwands: Zinsen sind die Vergütung des Fremdkapitals; durch Addition werden Eigen- und Fremdkapitalvergütung vergleichbar gemacht.

Aussage:

  • Zeigt die Effizienz des gesamten Kapitaleinsatzes
  • Unabhängig von der Finanzierungsstruktur → gut für Unternehmensvergleiche
  • Richtwert: ≥ Fremdkapitalzins (sonst Vernichtung von Wert)

Zusammenhang: EK-Rentabilität > GK-Rentabilität bei positivem Leverage-Effekt (FK-Zins < GK-Rentabilität).

Vertiefung

Was ist der ROI (Return on Investment)? Wie wird er berechnet?

ROI (Return on Investment): Gibt an, wie viel Prozent Rendite auf das investierte Kapital erzielt wird. Der ROI verbindet Rentabilität und Kapitalumschlag.

Formel (DuPont-Schema):

ROI = Umsatzrentabilität × Kapitalumschlag

ROI = (Jahresergebnis / Umsatz) × (Umsatz / Gesamtkapital)

= Ergebnis / Gesamtkapital

Aufspaltung ermöglicht:

  • Analyse, ob ein niedriger ROI auf geringe Marge oder geringen Kapitalumschlag zurückzuführen ist
  • Ableitung gezielter Verbesserungsmaßnahmen

Richtwert: > Kapitalkosten (Weighted Average Cost of Capital, WACC)

Vertiefung

Wie kann man den ROI verbessern?

Da ROI = Umsatzrentabilität × Kapitalumschlag, gibt es zwei Ansatzpunkte:

1. Umsatzrentabilität verbessern (Ergebnis / Umsatz):

  • Kosten senken (Materialeffizienz, Prozessoptimierung, Personalproduktivität)
  • Wertschöpfungstiefe erhöhen

2. Kapitalumschlag verbessern (Umsatz / Gesamtkapital):

  • Anlagevermögen reduzieren (Sale-and-Lease-Back, Outsourcing)
  • Working Capital optimieren (Vorräte abbauen, Forderungen schneller einziehen)
  • Kapitalintensität senken

Prüfungshinweis: Maßnahmen können sich gegenseitig beeinflussen – z.B. kann Preiserhöhung die Marge verbessern, aber den Umsatz und damit den Kapitalumschlag senken.

Kennzahlen – Anlagevermögen

Vertiefung

Welche Anlagenkennzahlen gibt es?

Zur Analyse des Anlagevermögens werden folgende Kennzahlen herangezogen:

  • Anlagenintensität: AV / Gesamtvermögen × 100 – Anteil des AV am Gesamtvermögen
  • Anlagenabnutzungsgrad: Kumulierte AfA / Anschaffungs-/Herstellungskosten × 100 – Alterszustand des AV
  • Anlagendeckungsgrad 1: EK / AV × 100 – Finanzierung des AV durch EK
  • Anlagendeckungsgrad 2: (EK + lang- und mittelfristiges FK) / AV × 100 – goldene Bilanzregel
  • Investitionsquote: Investitionen / Abschreibungen – zeigt, ob das AV erneuert wird
  • Kapitalumschlag: Umsatz / Gesamtkapital – wie oft setzt das Kapital im Jahr um

Vertiefung

Was ist der Anlagenabnutzungsgrad?

Anlagenabnutzungsgrad: Gibt an, zu welchem Prozentsatz das Sachanlagevermögen bereits abgenutzt (abgeschrieben) ist.

Formel:

Anlagenabnutzungsgrad = (Kumulierte Abschreibungen / Anschaffungs- und Herstellungskosten) × 100

= (1 – Buchwert / AHK) × 100

Alternativ:

Anlagenabnutzungsgrad = Buchwert / AHK × 100 (= verbleibende Nutzungsdauer in %)

Aussage:

  • Hoher Abnutzungsgrad (z.B. 70–80 %): Anlagebestand veraltet → Investitionsbedarf absehbar
  • Niedriger Abnutzungsgrad (z.B. 20–30 %): Anlagevermögen ist jung → geringerer kurzfristiger Investitionsbedarf

Einschränkung: Abschreibungsmethode und Nutzungsdauerwahl beeinflussen den Abnutzungsgrad erheblich.

Vertiefung

Wie wirkt sich eine Investition auf den Anlagenabnutzungsgrad aus?

Eine Investition in neue Anlagen wirkt sich wie folgt aus:

  • Die Anschaffungs- oder Herstellungskosten (AHK) steigen um den Investitionsbetrag
  • Die kumulierten Abschreibungen auf die neue Anlage beginnen bei 0
  • Damit sinkt der Anlagenabnutzungsgrad: Der Nenner steigt stärker als der Zähler

Beispiel:

  • Vor Investition: AHK 1.000.000 €, kum. AfA 700.000 € → Abnutzungsgrad 70 %
  • Investition 500.000 € (neue Maschine, noch nicht abgeschrieben)
  • Nach Investition: AHK 1.500.000 €, kum. AfA 700.000 € → Abnutzungsgrad 47 %

Fazit: Investitionen "verjüngen" den Anlagenbestand und senken den Abnutzungsgrad. Ein sinkender Abnutzungsgrad über mehrere Jahre zeigt, dass das Unternehmen aktiv in die Erneuerung seines AV investiert.

Vertiefung

Wie sieht ein Anlagenspiegel aus?

Der Anlagenspiegel ist eine Pflichtangabe im Anhang nach § 284 Abs. 3 HGB und stellt die Entwicklung des Anlagevermögens im Berichtsjahr dar.

Struktur (vereinfacht):

PositionAHK AnfangZugängeAbgängeUmbuchungenAHK Endekum. AfA AnfangAfA lfd. JahrAbgänge AfAkum. AfA EndeBuchwert Ende
Immaterielle VG..............................
Sachanlagen..............................
Finanzanlagen..............................

Prüfungshinweis: Aus dem Anlagenspiegel lassen sich Investitionsvolumen, Desinvestitionen und Abschreibungsintensität ablesen – wichtige Informationsquelle für die Bilanzanalyse.

Vertiefung

Beschreiben Sie einen Anlagenspiegel horizontal und vertikal

Horizontale Betrachtung (zeilenweise):

  • Zeigt die Bewegungen einer Anlagenkategorie im Zeitablauf
  • Anfangsbestand + Zugänge – Abgänge +/– Umbuchungen = Endbestand (AHK)
  • Abschreibungsentwicklung: Anfangs-AfA + laufende AfA – abgegangene AfA = Abschluss-AfA
  • Buchwert = Endbestand AHK – kumulierte AfA Ende

Vertikale Betrachtung (spaltenweise):

  • Zeigt die Struktur der Positionen zu einem Zeitpunkt
  • Spalte "Zugänge": Gesamte Investitionen des Jahres über alle Anlagekategorien
  • Spalte "Abschreibungen": Gesamtes Abschreibungsvolumen des Jahres
  • Spalte "Buchwert Ende": Gesamter Buchwert des AV zum Bilanzstichtag

Analyseansatz: Verhältnis Zugänge/Abschreibungen > 1 → Wachstumsinvestitionen; < 1 → Substanzverzehr des AV

Vertiefung

Welches Zusammenspiel gibt es zwischen verschiedenen Anlagenkennzahlen?

Die Anlagenkennzahlen sind eng miteinander verbunden:

  • Anlagenintensität und Anlagendeckungsgrad: Hohe Anlagenintensität erfordert hohen Anlagendeckungsgrad → mehr langfristiges Kapital notwendig
  • Anlagenabnutzungsgrad und Investitionsquote: Hoher Abnutzungsgrad (altes AV) → Investitionsbedarf steigt → Investitionsquote sollte > 1 sein
  • Anlagenintensität und Kapitalumschlag: Hohe Anlagenintensität → geringer Kapitalumschlag → ROI schwerer zu optimieren über Umschlag
  • Investitionsquote und Cashflow: Hohe Investitionen erfordern hohen Cashflow oder Fremdkapital → beeinflusst dynamischen Verschuldungsgrad

Merksatz: Kennzahlen werden erst durch ihre Wechselwirkung aussagekräftig – isolierte Einzelkennzahlen können trügen.

Kennzahlen – Umschlag

Vertiefung

Was ist die Umschlagshäufigkeit der Vorräte?

Umschlagshäufigkeit der Vorräte: Gibt an, wie oft der durchschnittliche Lagerbestand innerhalb einer Periode vollständig umgesetzt (verbraucht und ergänzt) wurde.

Formel:

Umschlagshäufigkeit = Materialaufwand (oder Umsatzkosten) / Ø Lagerbestand

Ø Lagerbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2

Aussage:

  • Hohe Umschlagshäufigkeit: Vorräte werden schnell umgesetzt → geringes Lagerrisiko, niedrige Kapitalbindung
  • Niedrige Umschlagshäufigkeit: Vorräte lagern lange → hohe Kapitalbindung, Obsoleszenzrisiko

Lagerdauer in Tagen: 365 / Umschlagshäufigkeit (oder auf Basis 360 Tagen)

Vertiefung

Was ist der durchschnittliche Lagerbestand?

Durchschnittlicher Lagerbestand: Mittelwert der Vorräte über einen Betrachtungszeitraum, um stichtagsbedingte Schwankungen auszugleichen.

Einfache Formel:

Ø Lagerbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2

Genauere Formel (monatliche Werte):

Ø Lagerbestand = Summe aller Monatsendbestände / 12

Verwendung:

  • Basis für die Berechnung der Umschlagshäufigkeit und der Lagerdauer
  • Glättet saisonale Schwankungen im Lagerbestand

Prüfungshinweis: Der Jahresendbestand allein ist als Basis ungeeignet, da er durch saisonale Effekte oder bewusste Lagerreduzierung zum Bilanzstichtag verzerrt sein kann.

Vertiefung

Was ist der Unterschied zwischen Umschlagshäufigkeit und durchschnittlichem Lagerbestand?
MerkmalUmschlagshäufigkeitDurchschnittlicher Lagerbestand
ArtRelative Kennzahl (Häufigkeit)Absolute Kennzahl (€)
AussageWie oft dreht sich das Lager?Wie viel ist durchschnittlich gelagert?
BerechnungMaterialaufwand / Ø Bestand(Anfang + Ende) / 2
ZeitbezugPeriodeDurchschnitt der Periode

Zusammenhang: Der Ø Lagerbestand ist der Nenner der Umschlagshäufigkeit. Sinkt der Ø Lagerbestand bei gleichem Umsatz → steigt die Umschlagshäufigkeit → Lagerdauer sinkt.

Vertiefung

Was ist das Kreditoren- und Debitorenziel? Wie werden sie berechnet?

Debitorenziel (Days Sales Outstanding, DSO): Gibt an, wie viele Tage im Durchschnitt zwischen Rechnungsstellung und Zahlungseingang vergehen.

Formel Debitorenziel:

Debitorenziel = (Ø Netto-Forderungen aus L&L / Umsatzerlöse) × 360

Aussage: Je kürzer, desto schneller fließt Geld zurück → bessere Liquidität.


Kreditorenziel (Days Payable Outstanding, DPO): Gibt an, wie viele Tage das Unternehmen im Durchschnitt braucht, um Lieferantenrechnungen zu bezahlen.

Formel Kreditorenziel:

Kreditorenziel = (Ø Netto-Verbindlichkeiten aus L&L / Materialaufwand) × 360

Aussage: Je länger, desto mehr nutzt das Unternehmen den Lieferantenkredit als kostenlose Finanzierung – aber zu lange Zahlung kann Lieferanten verärgern.

Zusammenhang mit CCC: Kürzeres Debitorenziel + längeres Kreditorenziel → kürzerer Cash Conversion Cycle→ weniger Working Capital nötig.

Kapitalflussrechnung

Vertiefung

Was ist eine Kapitalflussrechnung?

Kapitalflussrechnung (Statement of Cash Flows): Bestandteil des Jahresabschlusses, der die Herkunft und Verwendung der liquiden Mittel einer Periode darstellt.

Rechtsgrundlage:

  • Pflichtbestandteil des Konzernabschlusses (§ 297 Abs. 1 HGB)
  • Empfohlen für große Einzelunternehmen; Standard DRS 21
  • Pflicht nach IFRS (IAS 7)

Ziel:

  • Erklärung der Veränderung des Finanzmittelbestands zwischen zwei Bilanzstichtagen
  • Darstellung, woher liquide Mittel kamen und wofür sie verwendet wurden
  • Ergänzt Bilanz und GuV um die Zahlungsdimension

Vertiefung

Welche Bestandteile hat eine Kapitalflussrechnung?

Die Kapitalflussrechnung gliedert sich nach DRS 21 / IAS 7 in drei Bereiche:

1. Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit (operativer Cashflow):

  • Einzahlungen und Auszahlungen aus dem operativen Kerngeschäft
  • Positiver CF: Das Unternehmen generiert selbst liquide Mittel
  • Basis: Jahresüberschuss, bereinigt um nicht zahlungswirksame Positionen

2. Cashflow aus Investitionstätigkeit:

  • Auszahlungen für Investitionen in AV (Capex)
  • Einzahlungen aus Desinvestitionen
  • In Wachstumsphasen typischerweise negativ

3. Cashflow aus Finanzierungstätigkeit:

  • Kapitalerhöhungen, Kreditaufnahmen
  • Tilgungen, Ausschüttungen, Dividenden

Summe = Veränderung des Finanzmittelbestands
Anfangsbestand liquide Mittel + Summe = Endbestand liquide Mittel

Vertiefung

Wie hängt die Kapitalflussrechnung mit dem Jahresabschluss zusammen?

Die Kapitalflussrechnung ist eng mit den anderen Bestandteilen des Jahresabschlusses verknüpft:

Verbindung zur Bilanz:

  • Der Endbestand der liquiden Mittel in der KFR stimmt mit dem Bilanzposten "Kassenbestand und Bankguthaben" überein
  • Die Differenz zwischen Anfangs- und Endbestand der Bilanzpositionen erklärt sich durch die Zahlungsströme der KFR

Verbindung zur GuV:

  • Ausgangspunkt der indirekten Methode ist der Jahresüberschuss aus der GuV
  • Nicht zahlungswirksame Positionen der GuV (AfA, Rückstellungszuführungen) werden in der KFR herausgerechnet

Ergänzung:

  • Bilanz und GuV sind periodengerecht (Accrual-Basis), die KFR ist zahlungsorientiert (Cash-Basis)
  • Unternehmen kann GuV-Gewinn ausweisen, aber Cashflow-negativ sein → wichtige Ergänzungsinformation

Bewegungsbilanz

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Was ist eine Bewegungsbilanz?

Bewegungsbilanz (auch: Veränderungsbilanz, Finanzierungsrechnung): Zeigt die Veränderungen der Bilanzpositionen zwischen zwei Stichtagen und ordnet sie in Mittelherkunft und Mittelverwendung ein.

Grundprinzip:

  • Mittelherkunft:
    • Abnahme von Aktivpositionen (z.B. Forderungsabbau)
    • Zunahme von Passivpositionen (z.B. Kreditaufnahme, Gewinnerwirtschaftung)
  • Mittelverwendung:
    • Zunahme von Aktivpositionen (z.B. Investitionen, Vorratsaufbau)
    • Abnahme von Passivpositionen (z.B. Tilgungen, Verluste)

Ergebnis: Mittelherkunft = Mittelverwendung (Identität, da doppelte Buchführung)

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Wozu dient eine Bewegungsbilanz?

Die Bewegungsbilanz dient als Analyseinstrument für Finanzierungsstrukturen und Investitionsentscheidungen:

  • Finanzierungsnachweis: Zeigt, womit Investitionen in einem Zeitraum finanziert wurden (Eigen-, Fremd- oder Innenfinanzierung)
  • Plausibilitätsprüfung: Banken und Analysten prüfen, ob Investitionen fristengerecht finanziert wurden
  • Vorstufe zur Kapitalflussrechnung: Die Bewegungsbilanz ist die Grundlage für die Erstellung der Kapitalflussrechnung (Ausgangsdaten)
  • Unternehmenssteuerung: Zeigt, in welchen Bereichen Kapital gebunden oder freigesetzt wurde

Abgrenzung zur Kapitalflussrechnung: Die Bewegungsbilanz zeigt alle Bilanzveränderungen (auch nicht zahlungswirksame, z.B. Abschreibungen), die KFR hingegen nur zahlungswirksame Vorgänge.

Konzernabschluss

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Was ist ein Konzernabschluss?

Konzernabschluss: Ein einheitlicher Jahresabschluss, der Mutter- und Tochterunternehmen so darstellt, als wären sie ein einziges Unternehmen (Einheitstheorie).

Rechtsgrundlage: §§ 290–315e HGB; verpflichtend für kapitalmarktorientierte Unternehmen nach IFRS (§ 315e HGB)

Aufstellungspflicht (§ 290 HGB):

  • Mutterunternehmen, das beherrschenden Einfluss auf Tochterunternehmen hat
  • Pflicht entfällt bei Kleinkonzernen (§ 293 HGB): zwei von drei Kriterien unterschritten: Bilanzsumme ≤ 24 Mio. €, Umsatz ≤ 48 Mio. €, Arbeitnehmer ≤ 250

Bestandteile (§ 297 HGB):

  • Konzernbilanz, Konzern-GuV, Konzernanhang, Konzernlagebericht
  • Kapitalflussrechnung, Eigenkapitalveränderungsrechnung (Pflicht)

Vertiefung

Welche Konsolidierungsmaßnahmen gibt es?

Im Rahmen der Konsolidierung werden konzerninterne Beziehungen eliminiert:

1. Kapitalkonsolidierung (§ 301 HGB):

  • Verrechnung der Beteiligung im Abschluss des Mutterunternehmens mit dem anteiligen Eigenkapital des Tochterunternehmens
  • Verbleibende Differenz = Geschäfts- oder Firmenwert (oder negativer Unterschiedsbetrag)

2. Schuldenkonsolidierung (§ 303 HGB):

  • Eliminierung konzerninterner Forderungen und Verbindlichkeiten
  • Vermeidet Doppelausweis (z.B. Darlehen MU an TU erscheint als Forderung und Verbindlichkeit)

3. Aufwands- und Ertragskonsolidierung (§ 305 HGB):

  • Eliminierung konzerninterner Lieferungen und Leistungen
  • Umsätze zwischen Konzernunternehmen sind keine "Außenumsätze" und werden herausgerechnet

4. Zwischenergebniseliminierung (§ 304 HGB):

  • Eliminierung von Gewinnen aus konzerninternen Lieferungen, die noch im Bestand sind

Vertiefung

Wie werden Beteiligungen im Konzernabschluss behandelt?

Die Behandlung von Beteiligungen im Konzernabschluss hängt vom Grad der Beherrschung ab:

1. Vollkonsolidierung (§§ 300–309 HGB) – Beherrschung (> 50 % Stimmrechte):

  • Alle Vermögensgegenstände, Schulden, Erträge und Aufwendungen werden vollständig einbezogen
  • Minderheitsanteile werden separat im Eigenkapital ausgewiesen

2. Equity-Methode (§ 312 HGB) – Assoziierte Unternehmen (20–50 %):

  • Beteiligung wird mit dem anteiligen Eigenkapital des Beteiligungsunternehmens bewertet
  • Wertanpassung bei Gewinnen/Verlusten des Beteiligungsunternehmens

3. Quotenkonsolidierung (§ 310 HGB) – Gemeinschaftsunternehmen (Joint Ventures):

  • Anteiliges Einbeziehen aller Bilanz- und GuV-Positionen entsprechend der Beteiligungsquote
  • Wahlrecht nach HGB; nach IFRS 11 nicht mehr zulässig

4. Nicht konsolidierte Beteiligungen: Kleinstbeteiligungen nach Anschaffungskostenmethode bewertet.

Vertiefung

Wie werden Innenumsätze im Konzernabschluss behandelt?

Innenumsätze sind Umsätze zwischen Unternehmen desselben Konzerns (z.B. Lieferung von MU an TU oder zwischen zwei Tochtergesellschaften).

Behandlung (§ 305 HGB – Aufwands- und Ertragskonsolidierung):

  • Innenumsätze werden vollständig eliminiert, da sie aus Konzernsicht keine Außenumsätze darstellen
  • Der Umsatz bei einer Konzerngesellschaft und der korrespondierende Aufwand bei der anderen werden gegeneinander aufgerechnet

Zwischenergebniseliminierung (§ 304 HGB):

  • Wenn Güter konzernintern geliefert wurden und beim Empfänger noch im Bestand sind, muss der darin enthaltene Gewinn eliminiert werden
  • Beispiel: MU liefert Ware an TU mit Gewinn; TU hat Ware noch auf Lager → Gewinn und Bestandswert müssen bereinigt werden

Prüfungshinweis: Innenumsätze erhöhen den Konzernumsatz künstlich; nach Konsolidierung zeigt die Konzern-GuV nur die Umsätze mit Dritten außerhalb des Konzerns.

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