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Finanzmanagement - Finanzierung aus Rückstellungen

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Finanzmanagement

Finanzierung aus Rückstellungen

Rückstellungen und Verbindlichkeiten gehören zu den Schulden einer Unternehmung. Sie unterscheiden sich dadurch, dass Rückstellungen dem Grunde und oder der Höhe nach nicht sicher feststehen, Verbindlichkeiten jedoch schon.

Beispiel

Hier klicken zum AusklappenDer Seminarbesucher Fritz rutscht auf einer Bananenschale aus, die unglücklicherweise im Eingangsbereich des Seminars noch auslag, weil ein anderer Kunde eine halbe Minute vorher sie dort liegen ließ. Das Seminar findet im Dezember 2006 statt. Weil der Seminarteilnehmer so unglücklich ausrutscht, dass er sich ein Bein bricht, verklagt er den Seminarleiter auf Schadenersatzzahlung in Höhe von 1.000 €. Der Prozess wird im März 2007 entschieden.

Da der wahrscheinliche Verlust, welcher erst 2007 passieren wird, ökonomisch dem Jahr 2006 zuzurechnen ist, muss bereits im Jahre 2006 eine Rückstellung gebildet werden. Der Verlust wird mit anderen Worten antizipiert (= vorweggenommen). Wenn also wahrscheinlich im Jahre 2007 eine Auszahlung passieren wird, deren Grund in 2006 liegt, so wie der Verlust bereits nach dem handelsrechtlichen Imparitätsprinzip im Jahr 2006 vorgenommen.

Ansatzpflichtige Rückstellungen existieren für

  • Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten

    • Pensionsrückstellungen,

    • Prozessrückstellungen,

    • Rückstellungen für Gewährleistungen mit rechtlicher Verpflichtung

  • Rückstellungen für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften,

  • Rückstellungen für im Geschäftsjahr unterlassende Aufwendungen für Instandhaltung, die innerhalb von drei Monaten nachgeholt werden,

  • Rückstellungen für Gewährleistungen, die ohne rechtliche Verpflichtung erbracht werden (= Kulanzrückstellungen).

Entscheidend für einen Finanzierungseffekt bei Rückstellungen ist die Fristigkeit, denn die Rückstellungen stehen nur zwischen der Bildung und ihrer Inanspruchnahme zur Verfügung. Wenn der Grund für die Rückstellungsbildung entfällt, muss diese erfolgswirksam aufgelöst werden. Es kommt zu einer stillen Selbstfinanzierung, wenn die Rückstellung zu hoch bemessen ist. Da die meisten Rückstellungen kurzfristig sind (z.B. für zu erwartende Steuernachzahlungen oder Prozessrückstellungen), ist der Finanzierungseffekt jedoch begrenzt. Allerdings werden viele Rückstellungen jährlich neu gebildet, es erfolgt dadurch ein Bodensatz an Rückstellungen, wodurch insgesamt die eigentlich kurzfristige Finanzierung aus Rückstellungen zu einem dauerhaften Finanzierungseffekt wird. Rückstellungen wie Pensionsrückstellungen oder Rückstellungen für Garantieverpflichtungen sind allerdings der langfristigen Finanzierung zuzurechnen. Finanzierung durch Vermögensumschichtung (= Kapitalfreisetzung) ist die Veräußerung von nicht betriebsnotwendigem Vermögen im Rahmen von z.B. Rationalisierungsmaßnahmen. Der langfristige Finanzierungseffekt ist hierbei unsicher und abhängig von der Gewinnverwendungsentscheidung (im Rahmen der offenen Selbstfinanzierung) bzw. der bilanziellen Bewertung (im Rahmen der stillen Selbstfinanzierung).

Expertentipp

Hier klicken zum AusklappenRückstellungen sind abschließend in § 249 HGB aufgelistet. Alles was Rückstellung sein muss oder sein darf, ist in § 249 I HGB erwähnt. § 249 II HGB bestimmt, dass „alles andere“, was nicht im Absatz 1 genannt ist, nicht Rückstellung sein darf.


Bei Rückstellungen spricht mehr dafür als dagegen, dass es im folgenden Geschäftsjahr zu einer Auszahlung kommen wird. Nach dem Imparitätsprinzip, nach dem Verluste zu antizipieren sind (Gewinne jedoch nach dem Realisationsprinzip nicht) müssen diese Auszahlungen der Zukunft heute bereits als Verlust geltend gemacht werden. Beispiele für Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten sind:

  • Prozessrückstellungen

  • Pensionsrückstellungen

  • Rückstellungen für Gewährleistungen mit rechtlicher Verpflichtung.

Das oben erwähnte Beispiel 20 des Kunden, der die Unternehmung wegen des Schadens verklagt, zeigt sehr gut die Essenz von Prozessrückstellungen an, nämlich die Vorwegnahme von Verlusten. Obwohl der Prozess

  • erst in der Zukunft, also im Jahre 2007 beendet sein wird,

  • der Verlust wahrscheinlich, aber nicht sicher ist,

ist der Verlust nicht erst in 2007 zu buchen, sondern schon heute, also in 2006, weil der wirtschaftliche Grund, d.h. das Entstehen des Grundes für die wahrscheinliche Auszahlung der Zukunft in der heutigen Periode liegt, nämlich der Schadensfall des Kunden. Der Buchungssatz in 2006 lautet deswegen auch folgendermaßen:

Merke

Hier klicken zum AusklappenAufwand für Prozessrückstellungen an Prozessrückstellungen

Der Verlust wird also heute bereits angesetzt (Aufwandsbuchung), es entsteht eine Schuld auf der Passivseite der Bilanz in Form der Rückstellung.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten, wie mit dieser Rückstellung im Jahr 2007 umgegangen wird:

  • der Prozess wird tatsächlich, wie erwartet, verloren,

  • der Prozess wird völlig überraschend gewonnen.

Im ersten Fall ist „lediglich” noch die Auszahlung zu buchen, aber nicht mehr der Verlust, denn dieser wurde bereits in 2006 durch die Bildung der Rückstellung verbucht. Der Buchungssatz lautet in 2007 dann

Merke

Hier klicken zum AusklappenRückstellungen für Prozesse an Bank

Die Rückstellungen sind also auszubuchen und die Kasse wird weniger. Es handelt sich im Jahre 2007 um eine Bilanzverminderung, da ein Aktivkonto (die Bank) und ein Passivkonto (die Rückstellung) sinken. Erfolgsmäßig passiert in 2007 nichts mehr.

Im zweiten Fall, dass nämlich der Prozess unvorhergesehenerweise gewonnen wird, muss der Verlust, der in 2006 gebucht wurde, nun durch einen Ertrag rückgängig gemacht werden. Durch die Aufwandsbuchung in 2006 und die Ertragsbuchung in 2007 gleichen sich Gewinne und Verluste über die Jahre hinweg gesehen aus, man erhält also über die Zeit hinweg eine Erfolgsneutralisierung. Der Buchungssatz lautet

Merke

Hier klicken zum AusklappenRückstellungen für Prozesse an außerordentliche Erträge.

Eine weitere Position der Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten bilden die Rückstellungen für Gewährleistungen, die mit rechtlicher Verpflichtung erbracht werden.

Beispiel

Hier klicken zum AusklappenDie Elektrik-AG aus Mainz stellt Fernsehapparate her. Auf die Fernsehapparate räumt sie eine Garantiefrist von einem Jahr ein und rechnet mit Ansprüchen der Kundschaft in Höhe von 1 Million €.

Die Elektrik-AG muss also Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten (genauer gesagt, für Gewährleistungen mit rechtlicher Verpflichtung) in Höhe von 1 Million € bilden. Da Auszahlungen in der Zukunft in genau dieser Höhe zu erwarten sind, muss der Verlust heute bereits antizipiert werden denn der wirtschaftliche Grund für die Auszahlungen der Zukunft ist heute bereits entstanden durch die Produktion der Fernsehapparate, muss heute also bereits angesetzt werden.